Eva Herman

2007.01.30: ARD.de - Désirée Nick contra Eva Herman

Kampfansage an das "Eva-Prinzip"

von Alice Lanzke

Désirée Nick, Deutschlands bekannteste Lästerzunge, hat mit "Eva go home" eine bissige Abrechnung der umstrittenen Thesen von Eva Herman geschrieben. Das Ergebnis ist eine leidlich witzige Streitschrift.

Es ist gerade einmal vier Monate her, dass die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herman mit ihrem Buch "Das Eva-Prinzip" eine heftige Diskussion entfachte: Herman hatte darin die umstrittene These aufgestellt, die Emanzipation sei für den Kindermangel in Deutschland verantwortlich. Nun hat die Kabarettistin Désirée Nick, selbst Mutter eines Sohnes, eine Replik veröffentlicht. Unter dem Titel "Eva go home" setzt sie sich gewohnt bissig mit Hermans Ansichten auseinander.

Krampfhaft witzige Schreibe

Kampfansage an Eva Herman.Dass Désirée Nick eine scharfe Zunge hat, ist allgemein bekannt - im Klappentext von "Eva go home" schreibt ihr Verlag selbst, sie gehöre "zum Feinsten und Gemeinsten, was deutsche Bühnen und Bildschirme zu bieten haben". Nick polarisiert, auch mit ihrer Kampfansage an Eva Herman. Denn so wichtig eine Entgegnung der abstrusen und weltfremden Thesen Hermans ist - musste sie ausgerechnet von Désirée Nick kommen? Obwohl Nick den Bestseller ihrer Autorenkollegin offensichtlich gründlich gelesen hat und ihre Gegenargumente ebenso intensiv durch seriöse Statistiken belegt, zündet ihr Werk nicht. Das Problem: die krampfhaft witzige Schreibe.

Geringschätzung durch Verniedlichung

Da wird Eva Herman in einem fort als "Hasilein", "Armes Hascherl" und "Dummerlein" bezeichnet - das mag ein paar Mal ganz witzig sein, auf über 170 Seiten nervt es einfach nur noch. Und das umso mehr, als Désirée Nicks Wut auf Hermans Thesen durchaus verständlich ist. Diese hatte im "Eva-Prinzip" Alleinerziehenden unterstellt, dem täglichen Druck kaum standhalten zu können. Nick, alleinerziehende Mutter eines Sohnes, hätte dem ihre fundierten Erfahrungen entgegen setzen können. Stattdessen setzt sie auf Geringschätzung durch Verniedlichung.

Armes Hascherl, die Welt ist nicht so, wie du sie gerne hättest, und auch mit der Apfelkuchentheorie wird sich daran nichts ändern. Du kommst mir vor wie ein Kind, das sich die Hände vors Gesicht hält und dann glaubt, es sei für die Welt unsichtbar: Denn das, was du innerhalb deines Tellerrands als wahr erkennst, willst du auf den Rest der Menschheit übertragen!

Aus: "Eva go home" vom Désirée Nick

Dieses Problem zieht sich durch das ganze Buch: Wann immer einem beim Lesen der Gedanke kommt "Hier hat sie Recht", macht der krampfig witzige und ach so schlagfertige Ton das Zustimmen im Geiste schwer. Und das ist schade.

Denn Nick hat sich die Mühe gemacht, die schlimmsten Aussagen aus Hermans Machwerk zu destillieren, in Thesen zusammenzufassen und fundiert der Reihe nach zu widerlegen - wie etwa Eva Hermans Bemühung der Biologie zur Rechtfertigung gesellschaftlicher Unterschiede. So schreibt Herman, "dass wir biologisch gesehen eine andere Rolle als Männer haben" (S.28) und belegt dies durch das unterschiedliche Aussehen von Mann und Frau: "Der Mann ist infolge seiner genetischen Voraussetzungen stärker und größer als die Frau, kann aber keine Kinder bekommen." (S.91) Akzeptiere man die natürlichen Unterschiede nicht, so Herman, "kommt es zu typischen Fehlentwicklungen, auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene". (S.61) Schon Schriftstellerin Thea Dorn fühlte sich durch solche Thesen an die Nazi-Ideologie erinnert. Ähnlich kritisiert auch Nick:

Der Herman'sche Biologieunterricht führt direkt zurück zu einer Rassenlehre, wo der genetische Stempel das Schicksal besiegelt. Eva, das ist nicht mehr komisch, das ist beängstigend!

Aus: "Eva go home" vom Désirée Nick

Religionsunterricht der studierten Theologin

Bissig und scharfzüngig.Solche und weitere zumindest befremdliche Anklänge in Hermans Buch findet Nick zu Hauf - und das ist der große Verdienst ihres Buches. Wirklich lesenswert ist das neunte Kapitel, indem sich die studierte Theologin Nick mit der Schöpfungsgeschichte auseinandersetzt, die (nicht nur) Herman falsch verstanden habe. So könne mit der Schöpfungsgeschichte eben nicht die Ungleichbehandlung von Mann und Frau gerechtfertigt werden, schon gar nicht die Benachteiligung der Frau. Vielmehr sei die Schöpfungsgeschichte der erste Aufruf zur Frauenbewegung. Das klingt im ersten Moment abstrus, doch die ehemalige Religionslehrein Nick kann sachlich und überzeugend argumentieren. Hier zeigt sich, dass die Entertainerin durchaus etwas von Exegese versteht - es ist fundiert und unterhaltsam geschrieben, kurz: Man wünschte, dass das für das ganze Buch gelten würde.

Je weiter Nicks Streitschrift fortschreitet, desto schärfer wird der Ton. "Dieses Machwerk ist eine Katastrophe" heißt es schließlich auf Seite 145 über "Das Eva-Prinzip". Ganz so schlimm ist es bei "Eva go home" nicht.

Désirée Nick: Eva go home. Eine Streitschrift
Fischer Taschenbuch Verlag
Frankfurt am Main 2007
174 Seiten
7,95 Euro

Ihre Meinung zur Diskussion!
Wir wollten von Ihnen wissen, was Sie vom "Eva-Prinzip", der Erwiderung von Désirée Nick "Eva go home" und der Diskussion um die Folgen der Emanzipation halten. Vielen Dank für Ihre zahlreichen Beiträge.

Quelle: ARD 30.01.2007

2007.03.21: consumerblog.de - Buch – Eva go home, Désirée Nick

Wie sehr unterschieden sich doch Krähen von blondierten Frauen! Letztere hacken gern mal einander das eine oder andere Auge aus. So müht sich denn Désirée Nick auch nach Kräften, ihrem Ruf als Gewitterziege gerecht zu werden und kein gutes Goldhaar an Eva Hermann zu lassen.

Die beiden Kontrahentinnen eint nicht die Tatsache, dass beide Mutter eines Sohns sind - und die Haarfarbe natürlich erst recht nicht. Zwar ist das Buch von Ex-Tagesschau-Evi über weiter Strecken wirklich nicht das, was doppelt belastete berufstätige Mütter weiterbringt - aber wem nützt der Nicksche Rachefeldzug außer Désirée selbst? Ob es da zur Rechtfertigung ausreicht, dass Frau Nick gar nicht anders kann als über andere abzulästern?

Die schrille Berlinerin mit der Kodderschnauze nimmt sich also Evas Prinzip vor und schießt einfach Punkt für Punkt dagegen. Umso genüsslicher sie der Geschlechtsgenossin in den Haaren zieht umso lauter wird ihr Beifall gegröhlt. Nick hält sich nicht mit Manöverkritik auf und hat erst recht nichts vorzutragen, was konstruktiver Kritik auch nur ähnlich sehen würde. Muss sie auch nicht. Die Hyäninnen heulen ihr auch so Applaus - ohne begriffen zu haben, dass erst ein Konsens etwas ändern würde.

„Warum geht sie beim Klappehalten nicht mit gutem Beispiel voran?", fragt Désirée Nick und meint Eva Hermann damit.

Ja, und Sie, Frau Nick?

Quelle: consumerblog.de 21.03.2007

2007.01.19: europolitan.de - Désirée Nick knüpft sich Eva Herman vor

‘Eva Go Home'

„Bei so viel Unsinn würde Schweigen ja Zustimmung bedeuten!" Berliner Kabarettistin und Entertainerin Désirée Nick, 46, gibt mit der 170-seitigen Schrift 'Eva go home' eine Antwort auf Eva Hermans umstrittenes Buch 'Das Eva-Prinzip'. Am Kindermangel in Deutschland seien die Emanzen schuld, so Herman in einer der Hauptthesen des Buches.

Sie habe lange genug auf eine kritische Antwort auf Hermans Thesen warten müssen. „Aber keine Alice Schwarzer, keine Familienministerin und kein Mann hat sich erbarmt, die Kohlen aus dem Feuer zu holen." „Alles muss man selber machen," beklagt sich die Nick. So habe sich die 46-jährige alleinerziehende Mutter eines Sohnes „zwischen Plätzchenbacken und Christbaumschmücken" selber ans Werk gemacht. 'Eva go home' ist eine polemische und unterhaltsame Kampfansage.

„Ich habe natürlich ein bisschen Satire ins Süppchen getan", so Nick. „Ich kann meinen Humor eben nicht verbergen. Das ist mir auch schon früher beim Religionsunterricht nicht gelungen. Deshalb bin ich ja auch aus dem Job heraus geflogen," berichtet die Kabarettistin, die früher einmal Religionslehrerin war.

Eva Herman war ehemalige Nachrichtensprecherin und TV-Moderatorin (Herman & Tietjen) und hatte mit 'Das Eva-Prinzip' einen Bestseller gelandet. „Das ist kein Buch, das ist eine Kette von Falschmeldungen," so Nicks Resultat, nachdem sie die Thesen der Herman zusammengefasst und widerlegt hat. Schließlich sei die Herman sowieso bloß eine „Hobbysoziologin" und dazu solle sie sich auch bekennen. „Ich gehe ja auch nicht in eine Kfz-Werkstatt und schleiche um ein Auto herum und mache Vorschläge zur Reparatur." Eine „Missionarin der Mütterlichkeit", eine „Kalenderblattphilosophin" sei Eva Herman.

Nick meint Gegenteiliges beweisen zu müssen: „Unzählige Frauen, unter ihnen Prominente wie Politikerin Silvana Koch-Mehrin, Malerin Elvira Bach, Sängerin Nena, Schauspielerin Senta Berger oder Model Nadja Auermann, bringen Familie und Karriere gut unter einen Hut, bei ihnen löst diese Kombination im Gegensatz zu Nachrichtensprecherin Eva Herman keine medienwirksame Sinnkrise aus."

Den Kauf des Hermanschen Buches beschreibt sie folgendermaßen: „Dazu bin ich extra mit der S-Bahn nach Spandau gefahren. In der Warteschlange dieses Machwerk in den Händen zu halten, war mir so peinlich, dass ich es im Schutzumschlag des letzten Dieter-Bohlen-Buches versteckte." (aj)

Quelle: europolitan.de 19.01.2007

2006.05.29: Der Spiegel 22/06, S. 94 - "Panik im Patriarchat", Interview mit Alice Schwarzer

Anmerkung gepemu: Alice Schwarzer stellt in diesem Interview fest: 'Wir müssen doch im Jahr 2006 dem Führer kein Kind mehr schenken' und betitelt Eva Hermans Aufsatz im 'Cicero: Die Emanzipation - ein Irrtum?' als eine 'Suada zwischen Mutterkreuz und Steinzeitkeule'. Damit hat sie als Erste einen Bezug zwischen Hermans Thesen und dem Nationalsozialismus hergestellt. 

SPIEGEL-GESPRÄCH

Die Feministin Alice Schwarzer über die kinderarme Gesellschaft und die Emanzipation, die Rollenmodelle Angela Merkel und Ursula von der Leyen, über die Folgen von 35 Jahren Geschlechterkampf und die Angst der Männer

SPIEGEL: Frau Schwarzer, das Land debattiert laut und aufgeregt über die Familie und die Rolle der Frau. Erinnert Sie das an die siebziger Jahre?
Schwarzer: Ein wenig. Denn bis vor gar nicht langer Zeit, in den sieben rot-grünen Jahren, schien allein das Wort Frau ein peinlicher Begriff zu sein. Das durfte man nicht aussprechen, schon gar nicht als Frau, da war man unten durch. Das ist jetzt anders. Und das ist gut so. Über Jahre ist der Feminismus ein paar Seitenwege gegangen, und manchmal ist er in einem Tunnel verschwunden, doch jetzt ist er dort angekommen, wo er die Männer richtig nervös macht. Plötzlich wird klar, dass die Frauen ernsthaft den Anspruch auf die Hälfte der Welt anmelden. Das Patriarchat gerät in Panik.
SPIEGEL: Warum gerade jetzt?
Schwarzer: Nicht nur, aber auch, weil wir seit einem halben Jahr eine Kanzlerin haben. Plötzlich gibt es ein ganz neues Bild: das einer mächtigen Frau. Erinnern Sie sich, wie Rot-Grün die Wahlsiege zelebrierte: mit großen Posen und noch größeren Zigarren. Das war reine Männersache. Jetzt, 87 Jahre nach Erringung des Stimmrechts für Frauen in Deutschland, ist erstmals ein weiblicher Mensch an der Spitze des Landes.
SPIEGEL: Frau Merkel mag eine Symbolfigur sein, aber ist sie auch eine Frauenpolitikerin?
Schwarzer: Nein, im Gegenteil. Frauen waren für sie zunächst überhaupt kein Thema, und das Wahlprogramm von CDU und CSU ist quasi frauenfrei. Aber die Große Koalition scheint günstig für Frauenpolitik. Weil die Frauen aller Parteien in diesen Fragen inhaltlich sehr dicht beieinanderliegen. Ihr Problem waren bisher immer die Männer in ihren eigenen Parteien. Durch die Große Koalition gibt es einen emanzipatorischen Synergieeffekt. Außerdem sind jetzt auch die Ostfrauen angekommen in Gesamtdeutschland. Die hatten in der DDR auch Probleme, aber sie hatten ausreichend Hilfe bei der Kinderbetreuung, und fast alle waren im Beruf.
SPIEGEL: Dann ist ja alles bestens.
Schwarzer: Überhaupt nicht. Die schrille Debatte um Elterngeld, Familienpolitik und Demografie hat in Wahrheit die Frauenemanzipation im Visier. Die will Frauen ein schlechtes Gewissen machen, sie verunsichern. Und da machen wie gewohnt auch Frauen mit.
SPIEGEL: Wie etwa "Tagesschau"-Sprecherin Eva Herman, die in einem Artikel das Ideal der Hausfrau beschwört und die Emanzipation für die Kinderlosigkeit verantwortlich macht.
Schwarzer: Mal abgesehen von dem Niveau dieser Suada zwischen Mutterkreuz und Steinzeitkeule - da ist sogar etwas dran. Die Frauen in Deutschland sind in einem stillen Gebärstreik, weil sie nicht mehr um jeden Preis Mutter werden müssen. Die meisten wollen Kinder, aber sie wollen auch einen Beruf. Und vor allem: Sie wollen Unterstützung von den Vätern und vom Staat.
SPIEGEL: Ihnen bereitet es also keine Sorgen, dass in Deutschland so wenig Kinder geboren werden?
Schwarzer: Ehrlich gesagt: nicht die Bohne. Wir müssen doch im Jahr 2006 dem Führer kein Kind mehr schenken.
SPIEGEL: Das ist jetzt etwas demagogisch.
Schwarzer: Nein, es schallt nur zurück, wie es reintönt. Kein Mensch kriegt doch ein Kind für die Gesellschaft. Es gibt keine individuelle Entscheidung mit größeren Konsequenzen - mal ganz abgesehen davon, dass wir in einer überbevölkerten Welt leben, in der jedes Jahr fast sechs Millionen Kinder verhungern. Diese demografischen Debatten waren immer schon verdeckte Debatten über die Rolle der Frauen. Als ich 1971, genau vor 35 Jahren, diese Aktion "Wir haben abgetrieben" initiiert habe, da redeten zum allerersten Mal die Frauen öffentlich über ihre Verzweiflung, aber in den Medien wurde auch damals bald nur noch theologisch, juristisch und vor allem demografisch argumentiert.
SPIEGEL: Worüber wird denn Ihrer Meinung nach jetzt tatsächlich diskutiert?
Schwarzer: Ich glaube, diese Frauen-kriegen-nicht-genug-Kinder-Stimmung zielt darauf, die Frauen einzuschüchtern und als Konkurrentinnen zu schwächen. So eine Teilzeitarbeiterin macht einem nicht den Chefsessel streitig.
SPIEGEL: Am Kabinettstisch sitzen inzwischen fast so viele Frauen wie Männer. Friede Springer und Liz Mohn führen große Medienunternehmen. Da kann das Patriarchat kaum noch ernsthaft glauben, seine Pfründen sichern zu können. So unrealistisch sind Männer nun auch nicht.
Schwarzer: Die Männer sind ganz realistisch, sie sind sogar so realistisch zu begreifen, dass ihre Privilegien jetzt ernsthaft gefährdet sind. Ja, gut ein Drittel des Kabinetts besteht aus Frauen, und ja, die Kanzlerin hat es mit Geschick und ein bisschen Glück geschafft, aber die erste Geige spielt in unserem System die Wirtschaft. Und da sitzt in Deutschland immer noch nur eine einzige Frau im Vorstand eines Dax-Unternehmens.
SPIEGEL: Dafür haben wir eine siebenfache Mutter als Familienministerin. Ursula von der Leyen hat es in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich schwerer als Angela Merkel. Was macht sie falsch?
Schwarzer: Gar nichts. Aber die Spanne zwischen Merkel und von der Leyen ist interessant. Auf der einen Seite die Wissenschaftlerin aus dem Osten, die vor der Wahl von der Kanzlergattin dafür beschimpft wurde, dass sie keine Kinder hat. Auf der anderen Seite die Frauenärztin mit sieben Kindern, von denen keines bisher hungernd oder vernachlässigt aufgegabelt wurde. Von der Leyens scheinen sogar eine fröhliche Familie zu sein. Sie wird sicherlich Stress haben, das alles zu managen, aber offenbar hat sie einen Mann, der sie unterstützt. Das aber ist nun auch wieder nicht recht: Mutter von sieben Kindern und Ministerin, da gilt man in Deutschland als Rabenmutter. Wir Frauen können es einfach nicht recht machen. Und wenn alle Sachargumente ausgehen, kann man sich bei Politikerinnen ja immer noch über die Frisur lustig machen.
SPIEGEL: Auch Politiker müssen es sich gefallen lassen, dass die Öffentlichkeit über ihr Äußeres verhandelt: Schröders Haarfarbe, Joschka Fischers Gewichtsjojo.
Schwarzer: Das aber nur, weil Fischer seinen Körper immer selbst thematisierte. Der ehemalige Außenminister hat ja sogar ein ganzes Buch über sein hysterisches Verhältnis zu seinem Körper geschrieben.
SPIEGEL: Frau von der Leyen hat ihr Familienleben auch präsentiert.
Schwarzer: Ich, Alice Schwarzer, kann Ihnen aus der Summe meiner gerüttelten Erfahrungen sagen: Es geht nicht darum, wie man es macht oder wie man aussieht, es geht darum, was man tut. Ich erinnere mich noch gut an eine Szene aus dem Jahr 1975. Mein Buch "Der kleine Unterschied" war gerade erschienen, das war auf dem Höhepunkt des Skandalons um meine Person, ich hatte am nächsten Tag einen Fernsehauftritt, und da rief mich eine Frau an, aus Bayern: "Entschuldigung, Frau Schwarzer, ich wollte Sie um etwas bitten: Könnten Sie nicht morgen im Fernsehen eine weiße Bluse anziehen?" Warum? Sie antwortete: "Mein Mann. Ich möchte so gern, dass der Ihnen mal zuhört. Aber immer wenn der Sie im Fernsehen sieht, sagt er nur: Wie sieht die denn aus?" Da habe ich ihr geantwortet: "Ich fürchte, es sind nicht meine schwarzen Kleider, es sind meine schwarzen Gedanken, die Ihren Mann ärgern."
SPIEGEL: Welche schwarzen Gedanken hat Frau von der Leyen?
Schwarzer: Wir erleben das Phänomen, dass die konservative Familienministerin die rotgrüne Familienpolitik nicht nur fortsetzt, sondern weitertreibt. Ihre Vorgängerin Renate Schmidt hatte ja noch kurz vor der Wahl das einjährige Lohnersatzgeld thematisiert. Auch sie wusste, was für ein Desaster dieser dreijährige Erziehungsurlaub ist, den übrigens die CDU eingeführt hat. Ich habe oft mit ihr darüber gesprochen, aber sie hatte eben zu viel Gegenwind in der eigenen Partei und von den Grünen. Dann kommt Frau von der Leyen, übernimmt den Last-Minute-Vorschlag von Schmidt und setzt noch einen drauf: Sie verschreibt den Vätern zwei Monate Vaterschaftsurlaub. Na, da ging was ab. Doch als Konservative und Mutter von sieben Kindern hat sie es wahrscheinlich einfacher, so etwas zu tun. Linken Frauen würde man entgegenhalten: "Diese kinderlose Emanze. Was will die denn?"
SPIEGEL: Margaret Thatcher war auch Mutter und Konservative, aber als Frauenpolitikerin hat sie nichts ausgelöst.
Schwarzer: Da bin ich mir nicht so sicher. Die Vorstellung, dass englische Mädchen sich fragen, ob sie Königin oder Premierministerin werden sollen, fand ich nett. Auch wenn ich Thatchers Politik rücksichtslos und asozial fand.
SPIEGEL: Haben Sie Frau Merkel gewählt?
Schwarzer: Ich habe noch nie explizit gesagt, wen ich wähle. Und so soll es bleiben. Aber ich verrate gern: Als ich Schröder nach seiner Niederlage in der Elefantenrunde ausflippen sah, habe ich mir nachträglich zu meiner Wahl gratuliert.
SPIEGEL: Während Ihres Studiums haben Sie sich mit Foucault, Freud und Marx beschäftigt. Sind Sie noch eine Linke?
Schwarzer: Wenn es links ist, gegen Machtverhältnisse zu sein und für Gleichheit und Gerechtigkeit, selbstverständlich. Aber für eine Feministin gibt es letztlich keine politische Heimat. Die Fraueninteressen liegen links wie rechts brach. Ich orientiere mich schon lange sehr pragmatisch daran, wie in den jeweiligen Parteien jeweils die Interessen der Frauen vertreten werden.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass sich Frau von der Leyens Kampf und die vier Milliarden Euro Elterngeld lohnen?
Schwarzer: Absolut. Weil das endlich eine Alternative ist zur größten Frauenfalle überhaupt - dem dreijährigen Erziehungsurlaub, der die Frauen in Scharen aus dem Beruf gelockt hat. Nicht einmal jede zweite kehrt nach den drei Jahren zurück. Und nur jede fünfte erhält einen Job wie zuvor. Die Männer können derweil das Terrain unter sich aufteilen, die Konkurrentin ist ja weg. Und wo ist sie? Zu Hause bei den Kindern und unterstützt ihren Mann: Liebling, waren sie im Büro wieder so gemein zu dir? Der nächste Schritt in der Familienpolitik wäre, endlich das Ehegattensplitting abzuschaffen.
SPIEGEL: Das soll doch Familien helfen?
Schwarzer: Den Familien? Der Staat verschenkt jedes Jahr 21 Milliarden Euro an gutverdienende Ehemänner, das besagt eine Studie der Böckler-Stiftung. Und dabei ist es nicht entscheidend, ob Kinder in der Familie sind. Der Staat liefert damit den Männern ein hervorragendes Argument gegen die Berufstätigkeit ihrer Frauen, die meistens ja weniger verdienen: Schatz, willst du dich da wirklich abstrampeln? Was du da verdienst, verlieren wir doch wieder bei der Steuererklärung.
SPIEGEL: Werden die Männer die Vätermonate annehmen?
Schwarzer: In Schweden tut das schon jeder dritte Vater. Aber bereits die Debatte hat sich gelohnt. "Wickelvolontariat" nennen manche Männer das. Da geht die Post ab. Und das verstehe ich auch. Das ist ja alles relativ neu, die Männer sind verunsichert. Studien zeigen ja auch, dass es viel häufiger die Männer sind, die keine Kinder wollen.
SPIEGEL: Die Männer sind schuld?
Schwarzer: Was heißt schuld? Ich finde das Verhalten der Männer sehr nachvollziehbar. Denn Männer sind schließlich nicht das von Natur aus böse Geschlecht, und sie sind auch nicht das kriegerische Geschlecht, genauso wie Frauen nicht das bessere Geschlecht sind. Aber die Männer müssen umlernen, sie haben jetzt zu Hause Frauen, die erwarten, dass sie die Ärmel hochkrempeln. Eine ziemlich neue Rolle für die meisten. In der aktuellen Ausgabe von "Emma" haben wir einen Text, wo ein junger Vater über mögliche Rollenmodelle schreibt. Da gibt es den Karrieremann, der sagt: "Ich soll das Geld nach Hause bringen. Ich soll früh zu Hause sein. Ich soll verständnisvoll sein. Ich soll mich kümmern, und abends muss ich auch noch kochen." Und der andere ist Hausmann und klagt, dass seine Frau ihn nicht mehr erotisch findet. Alles gar nicht so einfach.
SPIEGEL: Das kann Beziehungen zerstören.
Schwarzer: Was meinen Sie, wie zerstört die Beziehungen früher waren? Was mich Anfang der siebziger Jahre radikalisiert hat, das waren die Gespräche mit den Frauen von nebenan. Da taten sich Abgründe auf. Ich weiß noch, wie ich in München, im Arbeiterviertel Hasenbergl, bei einer Frau im Wohnzimmer saß und sie mit dem Satz begann: "Ja, Frau Schwarzer, ich bin glücklich, ich habe einen netten Mann." Das war für mich immer der alarmierendste Satz: "Ich bin glücklich." Da wusste ich: Bald wird es ganz furchtbar. Eine halbe Stunde später sagte dieselbe Frau: "Er schlägt mich. Aber was soll ich machen? Ich habe vier Kinder. Ich habe keinen Pfennig Geld, ich habe keine Kontakte. Soll ich aus dem Fenster springen?"
SPIEGEL: Das ist Vergangenheit, oder?
Schwarzer: Da hat sich natürlich vieles geändert. Unsere Töchter sind dank der Frauenbewegung in eine größere Freiheit reingewachsen und hoffen: Diese Kämpfe sind passé. Was ich sympathisch finde, sie müssen sich ja nicht bedanken. Hinter dieser neuen Lockerheit steckt aber auch eine Gefahr. Denn diese Töchter haben jetzt Illusionen, die wir nie hatten. Für uns war jeder noch so kleine Schritt in die Welt ein Fortschritt. Unsere Töchter aber sagen: "Okay, Mama war ein bisschen verkniffen. Wir haben das nicht mehr nötig. Wir sind cool." Doch die Probleme sind natürlich nicht gelöst. Heute beginnen sie nur später: wenn eine Frau Kinder kriegt - oder einem Mann Konkurrenz macht.
SPIEGEL: Wie verbissen muss man sein als Feministin, um seine Ziele durchzusetzen?
Schwarzer: Das Adjektiv "verbissen" ist ja bis heute in den Medien zwingend im Zusammenhang mit der Nennung meines Namens. Würde ich beim Googlen "verbissen" eingeben, stünde bei 1000 Treffern vermutlich 999-mal mein Name daneben. Die abwertende Absicht ist klar, vor allem die Warnung an die anderen Frauen: So eine wird nicht begehrt! Also, wenn ich damals nicht schon Anfang dreißig gewesen wäre und meine Lebenserfahrungen diesem Klischee nicht widersprochen hätten - ich weiß nicht, ob ich es durchgestanden hätte. Doch nach 35 Jahren lasse ich mich nicht mehr durch Diffamationen oder gezielte Störmanöver wie die jetzige Debatte auf eine Steinzeitfassung von Feminismus reduzieren. Für mich als "Emma"-Macherin kommt es heute darauf an, unsere Erkenntnisse, unser Denken fortzuschreiben.
SPIEGEL: Einer Ihrer größten Erfolge ist die Abschaffung des Paragrafen 218. Ohne diese Errungenschaft in Frage zu stellen, könnte man ja mal über mögliche Auswirkungen nachdenken. Sie werden jetzt auf die Palme gehen: Aber sind viele Abtreibungen heute nicht eine Art verspätete Verhütung?
Schwarzer: Was Sie jetzt sagen, zeigt, wie der Diskurs der Lebensrechtler gegriffen hat. Und ich finde es wahnsinnig interessant, dass mir das im Jahr 2006 ein Redakteur des SPIEGEL sagt.
SPIEGEL: Warum?
Schwarzer: Weil das vor 20 Jahren undenkbar gewesen wäre. In dieser Frage war der SPIEGEL immer eine Hochburg der Aufklärung, egal, was man gerade als Frau sonst gegen ihn anbringen kann. Schön wäre es, wenn der Paragraf 218 abgeschafft wäre. Deutschland hat noch nicht mal die Fristenlösung, also das Recht für Frauen, eine ungewollte Schwangerschaft in den ersten drei Monaten abzubrechen. Deutsche Frauen müssen in einer Zwangsberatung um die Gnade betteln, es tun zu dürfen. Übrigens: Die Abtreibungen sind in den vergangenen Jahrzehnten permanent gesunken. Ganz einfach, weil aufgeklärte, selbstbewusste Frauen seltener ungewollt schwanger werden.
SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie da ein Thema zum Tabu erklären?
Schwarzer: Tabu? Mich interessiert nur die Realität. Und Realität ist, dass Frauen heute ihre Sexualität bewusster leben. Da hat sich viel getan. Doch erst seit 1997 wird die Vergewaltigung in der Ehe bestraft. Und bis 1976 noch konnte ein Ehemann zum Chef gehen und ihren Job kündigen, "weil sie ihren Haushalt nicht gut macht".
SPIEGEL: Können wir uns darauf einigen, dass ein erster großer Schritt des Projekts Emanzipation erfolgreich abgeschlossen ist und wir nun an dem Punkt sind, wo ein zweiter, vielleicht mühsamerer Prozess beginnt? Mühsam, weil es nicht um ein paar grundrechtliche Fragen geht, die kaum Geld kosten, sondern um teure sozialpolitische Maßnahmen?
Schwarzer: Ja, wir können. Aber auch wenn weniger Geld da ist, bleibt die Frage, wie es verteilt wird. Und da wird in Zukunft in Kinder und damit auch in Mütter investiert werden. In ein paar Jahren wird es Ganztagsbetreuung geben, von der Krippe bis zu Schule, für alle, die das wollen. Denn wenn der Staat mehr Kinder will, dann weiß er, was er zu tun hat. Doch er sollte auch zu einem Klima beitragen, in dem Männer, die in die Väterzeit gehen, dafür nicht belächelt werden.
SPIEGEL: Sie könnten sich dann mal zurücklehnen und auf ein erfolgreiches Lebenswerk zurückblicken.
Schwarzer: Wäre schön. Aber eine existentielle Frage ist noch nicht entschieden: Werden wir Frauen die Schlacht um unseren Körper gewinnen? Da steht für mich das allergrößte Fragezeichen.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Schwarzer: Der Druck auf Frauen, lebenslang jung und attraktiv zu sein, steigt permanent. Die Essstörung ist heute die Droge Nummer eins unter den Frauen der westlichen Welt. Es gibt Schulklassen, in denen 90 Prozent der Mädchen pathologisch essgestört sind. Jedes zehnte von ihnen wird daran sterben. Wie diese Frauen ihrem Körper schaden und wie viel Zeit sie mit ihrem Aussehen verbringen - was glauben Sie, wie viel Kraft und Lebenslust da auf der Strecke bleiben.
SPIEGEL: Wer führt diese Schlacht?
Schwarzer: Die Werbung, die Mode, die Medien.
SPIEGEL: Aber ist nicht gerade die Modeindustrie unpatriarchalisch? Stella McCartney, Miuccia Prada? Viele Modeschöpfer sind homosexuell.
Schwarzer: Ein homosexueller Mann ist ein Mann, der Frauen nicht begehrenswert findet. Auch darum haben gerade homosexuelle Modeschöpfer die Tendenz, ihre Kleider nicht für lebendige Frauen, sondern für Kleiderständer zu machen, für ihre Projektion von Weiblichkeit.
SPIEGEL: Darf man als emanzipierte Frau Spaß an der Schönheit haben?
Schwarzer: Interessant. Sie fragen nicht zufällig: Darf man? Angeblich wollen Frauen wie ich ja den Mädchen den Spaß verbieten. Aber es geht nicht um die Errichtung neuer Normen, sondern um Sensibilisierung für alte Normen. Zum Beispiel diese Tendenz zur Entblößung der Frauenkörper. Ich war kürzlich auf einem Fest, da ist mir aufgefallen, es war ein kühler Frühlingstag, dass fast alle Frauen kaum gehen konnten auf ihren hohen Schuhen und Gänsehaut hatten.
SPIEGEL: Zum Ball trägt die Dame Abendkleid, der Herr Smoking. Das ist ein Ritual. Wo ist das Problem?
Schwarzer: Es gibt Abendkleider, in denen eine Frau nicht halbnackt ist und die übrigens viel erotischer sind. Der Smoking der Herren ist bequem, und sie müssen auch nicht frieren.
SPIEGEL: Dafür schwitzen sie.
Schwarzer: Aber sie können sich frei bewegen. Es gibt in der Frauenmode die Tendenz zur Entblößung, zur Einengung, zur Ridiculisierung. Und das ist kein Zufall.
SPIEGEL: Wer führt diese Schlacht?
Schwarzer: Sie hoffen wohl, dass ich jetzt paranoid flüstere: Ich verrate Ihnen die Adresse des Patriarchats. Und ich kenne den Boss und auch alle Strippenzieher.
SPIEGEL: Am liebsten ja.
Schwarzer: Tut mir leid. Wenn wir vom Patriarchat reden, reden wir von einem System, das nicht jeder Mann exekutiert, aber von dem jeder Mann profitiert. So wie auch jeder nichtrassistische Weiße in einer rassistischen Gesellschaft von seiner Hautfarbe profitiert. Und das so manche Frau verinnerlicht hat, indem sie Komplizin der Männer ist. Dieses Patriarchat ist jetzt erschüttert. In Reaktion darauf steigt die Tendenz zur Männerbündelei und demonstrativen Männlichkeit. Konstruktion von Männlichkeit heißt das im Postfeminismus.
SPIEGEL: Bitte ein postfeministisches Beispiel.
Schwarzer: Zum Beispiel Fußball-Weltmeisterschaft: Ich muss nur den Fernseher anschalten, und schon sehe ich überall die Jungs, die mir entgegenrennen und übereinander herfallen und ganz, ganz toll sind. Ich gönne den Jungs ihren Spaß, aber die sind sehr gut nur mit sich beschäftigt. Und das alles hat natürlich etwas Groteskes.
SPIEGEL: Das war schon immer so.
Schwarzer: Aber jetzt ist es 24 Stunden am Tag so.
SPIEGEL: Vielleicht sorgt nur die Marktwirtschaft dafür, dass es mehr Bilder gibt?
Schwarzer: Die Marktwirtschaft? Die ist ja auch nicht ideologiefrei.
SPIEGEL: Da kommen wir heute nicht mehr zusammen.
Schwarzer: Wissen Sie, es gibt eine männliche Verunsicherung, die aber nicht mit Angst zu verwechseln ist. Angst hat man nur unten. Es ist eine Irritation. Männlichkeit wird neu festgeschrieben. Frauen fahren in den Weltraum, Frauen boxen, Frauen sind Kanzlerin. Was ist da eigentlich noch ein Mann? Die Männer von heute reagieren darauf mit Wichtigtuerei und Einschüchterungsmanövern.
SPIEGEL: Einschüchterung?
Schwarzer: Ja. Die größte Einschüchterung läuft über das Begehren: Wir Frauen haben bessere Noten und sind bessere Chefs. Aber sind wir noch begehrenswert? Werden wir noch geliebt? So kann man nicht nur politische Aktivistinnen kaltstellen, sondern auch all den anderen Frauen signalisieren: Du bist doch wohl nicht derselben Meinung? Guck mal, was so einer passiert. Auch die Neuverteilungen zwischen Männern und Frauen sind letztlich nur Machtfragen.
SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie ein bisschen festklammern an alten Rollenbildern?
Schwarzer: Warum sollte ich?
SPIEGEL: Sie pflegen Dogmen.
Schwarzer: Ich? Ganz im Gegenteil. Es mag pathetisch klingen, aber ich war immer nur an einem interessiert - an einer wahren Gleichheit und Annäherung der Geschlechter.
SPIEGEL: Ist eine Frau, die heute vom Einkommen ihres Mannes lebt und zwei Kinder hat, emanzipiert?
Schwarzer: Niemand ist emanzipiert, weder Sie noch ich. Die Verhältnisse, sie sind nicht so.
SPIEGEL: Das ist jetzt sehr diplomatisch.
Schwarzer: Es geht nicht darum, Noten in Emanzipation zu verteilen. Eine Hausfrau ist in einem feudalen System gefangen. Wenn die Beziehung schiefgeht oder der Mann unter einen Lastwagen kommt, steht diese Frau allein da. Sie ist von einem Menschen abhängig, und das ist eine heikle Konstruktion.
SPIEGEL: Niemand ist unabhängig.
Schwarzer: Aber wir sind im 21. Jahrhundert in der Regel nicht mehr von einer Person abhängig. Ich habe in der Presse aufmerksam verfolgt, was bei Til und Dana Schweiger passiert ist. Zwei nette Menschen, die jetzt traurig dastehen, denen, wie sie sagen, die Liebe verlorengegangen ist. Til Schweiger hat früher sogar Abo-Werbung für "Emma" gemacht, das ist bestimmt ein Netter. Aber wie es so ist: Sie managt zu Hause die vier Kinder, er ist unterwegs in der Welt. Eines Tages hatten die beiden sich nichts mehr zu sagen. Also: Feministen haben nichts gegen Hausfrauen, sie kennen nur die Wahrheit über das Leben einer Hausfrau.
SPIEGEL: Was halten Sie vom Hausmann?
Schwarzer: Wenig. Was Frauen nicht bekommt, bekommt Männern noch weniger. Da ist die Fallhöhe größer. Aber ich halte viel von fürsorglichen Vätern. Wir sollten Vätern und Müttern die Möglichkeit geben, Teil der Welt draußen zu sein. Wenn man sich übrigens die Lebensläufe von Frauen anschaut, die mehr gewagt haben als andere, dann stand dahinter fast immer ein ermutigender Mann.
SPIEGEL: Sie sind von Ihrem Großvater erzogen worden. Was hat der Ihnen mitgegeben?
Schwarzer: Das tiefe Wissen, dass auch Männer Menschen sind. Und dass manche Männer mütterlicher sein können als manche Frauen. Von meiner Großmutter habe ich die Lust am Rollenbruch gelernt und Politik genau, aber illusionslos zu betrachten. Von beiden habe ich den Mut, mir Eigenschaften zuzugestehen, die als männlich deklariert sind, und mich zu wehren, wenn man mir niedrig kommt.
SPIEGEL: Heute sind Sie als Talkshow-Figur so populär wie nie.
Schwarzer: Was heißt Talkshow-Figur? Ich bin Blattmacherin und Autorin. Ich verbringe im Jahr vielleicht sechs Stunden in Talkshows - und den Rest in der Redaktion oder beim Bücherschreiben, zum Beispiel Biografien über Marion Döhnhoff oder Romy Schneider, zwei sehr deutsche Lebensläufe und zwei extreme Beispiele für die Wege einer Frau in einer Männergesellschaft. Das Fernsehen hat mir nur geholfen, aus dieser Dämonisierung herauszukommen. Alice live ist eben etwas anderes als das Klischee Schwarzer. Mich freut es, Millionen Frauen zeigen zu können: Man kann sich wehren, und man kann es nicht nur überleben, sondern leben.
SPIEGEL: Haben Sie in Ihrem Leben jemals eigene Kinder vermisst?
Schwarzer: Ganz ehrlich, nein. Schon deshalb nicht, weil ich viel mit Kindern zu tun habe. Man muss ja nicht jedes Kind, das man mit ins Leben schickt, auch selbst auf die Welt bringen.
SPIEGEL: Frau Schwarzer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Alice Schwarzer, 63, Journalistin und Feministin, studierte in Paris Psychologie und Soziologie. Berühmt wurde sie durch ihren Kampf gegen den Paragrafen 218 und das Buch "Der kleine Unterschied". 1977 gründete sie die Zeitschrift "Emma", deren Herausgeberin sie ist.

Quelle: DER SPIEGEL 22/2006 vom 29.05.2006, Seite 94

2007.10.22: Michael-Klonovsky.de - Sünderin sowieso (Focus-Printausgabe Nr. 42/2007, S. 36ff.)

Dieser geniale Artikel von Michael Klonovsky ist auf der Website von Focus nicht zu finden. Zum Glück betreibt der Autor eine eigene Webseite. Hier gehts zur Quelle des Artikels.

Nach ihrem Rausschmiss bei „Kerner" befindet sich Eva Herman auf dem Weg zur Unperson. Der mediale Umgang mit ihr wirft die Frage auf: Wie frei ist die Rede in Deutschland?

Diese Frau muss ein verdammt dickes Fell haben. Oder eine Idealistin reinsten Wassers sein. Jedenfalls ist kaum jemand - und vor allem keine Frau - in letzter Zeit hierzulande dermaßen beschimpft und verunglimpft worden. Dennoch hat sich Eva Herman zu ihrer öffentlichen Hinrichtung quasi selbstständig bereitgefunden und ins Studio des ZDF begeben.

Dort saß, als eine Art freundlicher Inquisitor, Johannes Baptist Kerner, der genau wie Frau Herman wusste, was vorher so alles über sie geschrieben worden war. Etwa dass ihre Ansichten „zwischen Steinzeitkeule und Mutterkreuz" zu verorten wären, wie Alice Schwarzer meinte. Dass sie gar „zum Knochenkotzen" seien, vermutlich nach Einsatz der besagten Keule, wie die Schriftstellerin Karin Duve elegant formulierte. Dass die Autorin Thea Dorn in Hermans Bestseller „Das Eva-Prinzip" einen „antifreiheitlichen, totalitären Kern" ausfindig und dann prompt das „Eva-Braun-Prinzip" daraus gemacht hatte.

Dass der Vorabendserienschauspieler Jan Fedder coram publico „Eva, du hast ein Loch im Kopf, Eva, mach dir einen Nazi-Zopf" gesungen und die „Bild"-Zeitung gefragt hatte: „Ist Eva Herman braun oder nur doof?", was die „Welt am Sonntag" wiederum abwandelte in: „Ist Eva Herman eine verkappte Braune? Eine Durchgeknallte?" Dass die „Frankfurter Rundschau" sie zur „Mutterkreuzzüglerin" erklärte und der Kabarettist Oliver Pocher sie nach Hitlers Schäferhund „Blondi" genannt und gewitzelt hatte, ihr nächstes Buch werde wohl „Mein Kampf" heißen. Und ganz sicher hat Kerner gewusst, dass die „Bild am Sonntag" die Gesinnungssünderin neben dem „Führer" abgebildet und geschlagzeilt hatte: „Eva Herman lobt Hitlers Familien-Politik."

Kerner hatte die Geschmähte schon einmal, gewissermaßen nach der ersten Beleidigungswelle, zu sich in die Sendung gebeten, dann aber wieder ausgeladen. Nunmehr konnte der Moderator sicher sein, dass es ungefähr ähnlich viel Mut erfordern würde, diese Frau final vorzuführen, wie eine angepflockte Antilope mit der Pumpgun zu erlegen. Inzwischen hatte die Ex-„Miss Tagesschau" ihren Moderatorenjob beim NDR verloren, und Anfang September konnte man in der „Welt" lesen, dass die Hamburger Society sie zunehmend schneide: Ihr „gesellschaftlicher Status als Persona non grata kündigte sich schon nach ihrem Buch 'Das Eva-Prinzip' an. Schon damals verschwand sie von den Gästelisten großer gesellschaftlicher Ereignisse", registrierte das Blatt.

Ist Eva Herman „eine solche Bedrohung", wunderte sich die Züricher „Weltwoche" nach ihrem Rausschmiss beim NDR, „dass man sie so weit als irgend möglich aus der Öffentlichkeit entfernen musste"? Natürlich weiß jeder, aber auch jeder der hier Zitierten inklusive Kerner ganz genau, dass diese Frau im Kopf ungefähr so braun ist wie derzeit draußen herum brünett. In ihren Büchern geht es lediglich um die Freuden von Mutterschaft und Kindererziehung, sie plädiert gegen die Diskriminierung der Hausfrauen und gegen die allzu frühe „Abschiebung" von Kindern in Kindertagesstätten, und sie hatte sich sogar brav an einer Initiative „gegen rechts" beteiligt. Trotzdem wurde das Rufmordritual durchgespielt, einzig um jemanden zu erledigen, der etwas anderes meint, als es der aktuelle Zeitgeist gebietet.

Mag sein, dass Kerner der Delinquentin auch nur Gelegenheit geben wollte, sein Studio in ein Miniatur-Canossa zu verwandeln. Der Verlauf des Gesprächs und vor allem die Tatsache, dass er Herman ausgerechnet in dem Moment vor die Tür setzte, als sie über ein so unverfängliches Thema wie Kindertagesstätten in Sachsen-Anhalt sprach, lassen indes den Verdacht sprießen, dass alles ein abgekartetes Spiel war.

Bei der Präsentation ihres zweiten antifeministischen Buchs im September war Herman ein sprachlicher Kuddelmuddel unterlaufen, der sich, wenn man sehr böswillig las, so interpretieren ließ, als sei ihr die NS-Familienpolitik irgendwie sympathisch, und darauf sollte sie offenbar um jeden Preis festgenagelt werden.

„Sie verwechselt Faschismus und Konservatismus", dozierte der Historiker Wolfgang Wippermann, Herausgeber eines „Rotbuchs" gegen das „Schwarzbuch des Kommunismus" und gelegentlicher Autor beim „Neuen Deutschland", der als eine Art geladener Prozessgutachter im ZDF-Publikum saß. Dabei hat es doch exakt andersherum begonnen: Es waren Hermans Kritiker, die beides partout verwechseln wollten und aus ihr eine verkappte NS-Sympathisantin machten.

Mehrfach betonte die solchermaßen Angeklagte, sie sei falsch verstanden worden, aber es half ihr nichts - Kerner verlangte eine öffentliche Abbitte. Nur: Mit welchem Recht fordert ein TV-Talker von einem anderen Menschen, er solle sich vom Teufel distanzieren? Hier gilt, was der Philosoph Odo Marquard in ähnlichem Kontext auf die Kurzdialogform brachte: „Legitimieren Sie sich!" - „Bitte nach Ihnen!"

Der Eklat vollzog sich mit einer gewissen Präzision und mit Unterstützung der anderen Gäste. Aber diesmal sind die, frei nach Martin Walser, „Tabuzüchter im Dienste der Aufklärung" womöglich zu weit gegangen. Die Hermansschlachtung hat das Publikum in eine wahre Rage versetzt. Wertet man die Zehntausenden von Online-Kommentaren und Forenbeiträgen als repräsentativ für das, was die Leute bewegt, war der Skandal bei Kerner wichtiger als alle Debatten von Arbeitslosengeld bis Bahnstreik zusammen.

„Mit dem Zweiten soll man ja angeblich besser sehen. Man muss dafür allerdings relativ schmerzfrei sein oder die Fähigkeit besitzen, kurzfristig auszublenden, dass man in einer Demokratie lebt", zürnte die Redaktion von Welt online. Von einem „Tribunal" sprach der Publizist Henryk M. Broder (der freilich gern selbst mal das eine oder andere veranstaltet), und zwar „mit Herman als Angeklagter, Kerner als Ankläger und drei Geschworenen, die ihr Urteil schon vor Beginn der Verhandlung gefällt hatten". Auf den Online-Seiten der „Süddeutschen Zeitung" war sogar kurz von Kerners „Volksgerichtshof" die Rede, bevor sich die Redaktion auf die Formulierung „Laiengericht" zurückzog.

Längst ist außer Sicht geraten, worum es eigentlich geht. Diejenigen, die wollten, dass über Hermans Thesen gar nicht erst debattiert wird, haben ihr Ziel erreicht: Anstatt über die familienpolitische Lage anno 2007 redet man über die Familienpolitik der Nazis.

Anscheinend darf die sogenannte moderne Frau alles sein, Karrieristin, Emanze, Kanzlerin, Polizistin, Priesterin, Boxerin, Grünen-Sprecherin, Domina - nur eines nicht: Hausfrau und Mutter. Irgendetwas muss faul sein in einem Staat, wo die zumindest sorgenvollen Ausführungen der einstigen „Tagesschau"-Sprecherin für Blödsinn erklärt werden, nicht aber das tumbe Gerede von „Emma"-Herausgeberin Schwarzer, die auf die Frage, ob es sie nicht irritiere, dass hierzulande immer weniger Kinder geboren werden, entgegnete, man müsse doch „dem ,Führer' kein Kind mehr schenken".

Bei dieser Debatte ist es unerlässlich, an den demografischen Hintergrundzu erinnern, vor dem sie sich vollzieht: Die Bevölkerungspyramide der Bundesrepublik dreht sich allmählich auf den Kopf, es werden immer weniger einheimische und mehr Einwandererkinder geboren, namentlich deutsche Akademikerinnen pflanzen sich selten fort. Kurz vor ihrem Hinauswurf sagte Herman: „Wir sterben aus. Wir kriegen die demografische Kurve nicht mehr." Die Antwort Kerners: „Na ja, dann gibt es ein paar mehr Chinesen - also insgesamt, was die Weltbevölkerung angeht, mache ich mir um das Aussterben nicht allzu viele Gedanken."

Vielleicht hätte mal einer den Moderator daran erinnern sollen, dass es auch um sein Publikum geht. Inkonsequenterweise hat Kerner selber drei Kinder gezeugt, die übrigens von seiner Frau daheim aufgezogen werden, also ganz im Sinne Eva Hermans, die Kerner aber aus seiner Sendung warf, weil er ihre Thesen zur Rolle der Frau irgendwie gefährlich oder zumindest rückständig fand - absonderliche Welt.

Auch damit, dass sie für die Zerstörung der Familie den durch die 68er-Generation geprägten Zeitgeist verantwortlich macht, steht Herman keineswegs allein da, das tun und taten auch andere, etwa der Berliner Medienphilosoph und Vierfachvater Norbert Bolz in seinem Buch „Die Helden der Familie".

Sie hätte doch wissen müssen, was man sagen dürfe und was nicht, tönt es inzwischen aus einigen Redaktionsstuben. „Das eigentlich Erschreckende", meint der Journalist Stefan Niggemeier in seinem viel gelesenen Blog, sei, „wie dumm jemand sein kann, wie ahnungslos, wie dilettantisch und laienhaft in einer Medienwelt, in der sie sich seit vielen Jahren professionell bewegt". Ein merkwürdiges Demokratieverständnis: Als Nichtmedienprofi soll man bei heiklen Themen also am besten gleich die Klappe halten?

In Gestalt einer simplen und ungeschickt agierenden Ex-TV-Moderatorin verkörpert sich eine Grundsatzfrage hiesigen Selbstverständnisses: Wie lange soll Hitler noch eine Hauptrolle in der deutschen Innenpolitik spielen? Ist ein Punkt der Vergangenheitsfixierung erreicht, bei dem, wie Friedrich Nietzsche schrieb, „das Lebendige zu Schaden kommt, und zuletzt zugrunde geht, sei es nun ein Mensch oder ein Volk oder eine Cultur"? Ist in irgendeinem anderen demokratischen Land der Welt zu diesem Thema ein derartiges Tribunal denkbar, bei dem der Moderator zudem bekundet, es sei ihm egal, ob sich das eigene Volk fortpflanzt oder ob es der Chinese tut?

„Ich verstehe nicht, dass der Intendant des ZDF nicht an sich runterkotzt, wenn er das sieht", sagte Harald Schmidt über Kerners komplett scham- und pietätfreie Berichterstattung vom Erfurter Schulmassaker anno 2002. Vielleicht klappt's ja diesmal.

Wie alles begann

In der vorletzten Kalenderwoche Oktober 2007 wunderte ich mich über die hier und dort vernehmbare Aufregung um Eva Herman. So bemühte ich Google in einer freien Minute, mir alles über Eva Herman auszuspucken. Ich stolperte auch in der sogenannten seriösen Presse über Zitate von Eva Herman, die mich irritierten. Eva Herman ein Nazi? War mir nicht ganz

2006.11.29: Theadorn.de - "Das Eva-braun-Prinzip" von Thea Dorn

Unlängst führte ich in meinem Freundeskreis ein kleines Experiment durch. Ich fragte: "Woher stammt folgendes Zitat?": "Viele Frauen wollen Kinder und eine harmonische Familie. Selbst Frauen, die im Beruf aufgehen, verspüren den Wunsch nach Kindern. Von ihrem Opfer und der Bereitschaft, eine Schwangerschaft und auch die Einschnitte danach auf sich zu nehmen, hängt das Überleben des deutschen Volkes ab." 50 Prozent meiner Freunde tippten auf das "Eva-Prinzip" von Eva Herman und ihrer Co-Autorin Christine Eichel. Knapp 50 Prozent tippten auf Frank Schirrmachers Frühjahrsbestseller "Minimum - Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft". Und die wenigen unter meinen Freunden, die "Die Zeit" wirklich gründlich lesen, tippten auf ein bislang unveröffentlichtes Manuskript von Ulrich Greiner, der im April in besagter Wochenzeitung die Opferbereitschaft der Frau als Mutter besungen hatte. Alles falsch. Die zitierten Sätze finden sich auf der Homepage der NPD. Und zwar auf der Berliner "Heimseite" unter dem Titel "Frauen, die sich trauen ...".

Was will uns dieses Experiment zeigen? Dass ich einen zu Sarkasmus neigenden Freundeskreis habe? Oder dass wir in den letzten Monaten von wohl etablierten Diskursteilnehmern mit grenzbraunen Ansichten in Sachen "Mutterschaft" und "natürliche Rolle der Frau" dermaßen zugeschüttet wurden, dass uns der Sound bekennender Rechtsradikaler in diesem Bereich gar nicht mehr "radikal" erscheint? Hätte ich dasselbe Experiment vor einem Jahr gemacht, vor "Minimum" und "Eva-Prinzip", hätte nicht jeder einigermaßen wache Zeitgenosse sofort gesagt: "Was willste denn mit dem Neonazi-Zeug?" Die unlängst erschienene Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung "Vom Rand zur Mitte" weist nach, dass in Deutschland 2006 rechtsextremes Gedankengut beileibe kein Privileg derjenigen ist, die marodierend durch die ostdeutsche Provinz ziehen bzw. am Wahltag ihr Kreuz bei NPD, DVU oder anderen rechtsextremen Splitterparteien machen. Sondern - wie der Titel der Studie nahe legt - in der "Mitte" der Gesellschaft fest verankert ist. Die Studie untersucht, wie verbreitet sozialdarwinistische, antidemokratische, totalitäre, ausländerfeindliche und antisemitische Einstellungen heute sind. Das Ergebnis: Ein Schock. So stimmen etwa 26 Prozent unserer Landsleute der Forderung zu, was Deutschland jetzt brauche, sei "eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert". Rund 18 Prozent glauben, dass "der Einfluss der Juden auch heute noch zu groß ist". Neben diesen offensichtlichen Kernkompetenzen des Rechtsextremen fragten die Forscher aber auch sexistische Einstellungen ab. Zum Beispiel: "Die Frauen sollten sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen" oder "Für eine Frau sollte es wichtiger sein, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen, als selbst Karriere zu machen". Das Ergebnis: Je rechtsextremer das sonstige Weltbild des - und ebenso der - Befragten, desto höher die Zustimmung zu sexistischen "Thesen".

Bei jeder antisemitischen oder ausländerfeindliche Verbalattacke rufen alle: "Wehret den Anfängen!" Wieso ruft dies niemand bei den publizistisch-sexistischen Amokläufen dieser Tage? Weil wir Sexismus - im Gegensatz zu Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus - für Folklore halten? Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt einmal mehr: Sexismus ist keine Einstellung, die mit Rechtsextremismus zufällig einhergeht wie meinetwegen Vegetarismus. Sexismus ist ein ebenso treuer Begleiter des Totalitären wie Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit. Ist das Hirn erst einmal mit biologistischen Geschlechterstereotypen zutapeziert, sinkt die Scheu, den Rassegedanken einziehen zu lassen. "Emanzipation der Frau von der Frauenemanzipation ist die erste Forderung einer weiblichen Generation, die Volk und Rasse, das Ewig-Unbewusste, die Grundlage aller Kultur vor dem Untergang retten möchte." Was glauben Sie? Von wem stammt dieses Zitat? Nein. Auch nicht. Nein. Es findet sich im "Mythus des 20. Jahrhunderts", dem zentralen Werk von Alfred Rosenberg. Er war der Chefideologe der Nazis. Bei den Nürnberger Prozessen wurde er zum Tode verurteilt. "Na toll", werden Sie sagen, "genau so klingt es ja auch." Aber wie klingt der folgende Satz: "Ist es Zeit, die wahre Bestimmung der Weiblichkeit zu erkennen und in unserer Gesellschaft zu installieren, um uns zu retten?" Klingt er nicht verdammt ähnlich? Er findet sich im "Eva-Prinzip". "Jetzt mal halb lang", werden Sie einwerfen. "Eva ist vielleicht ein bisschen dämlich. Aber doch nicht braun." Das ist sie natürlich nicht. Sie schreibt bloß Sätze wie: "Wenn wir das Feld solchen Aufwieglerinnen [gemeint sind Feministinnen, Anm. TD] überlassen, finden wir niemals einen Weg zurück zum selbstverständlichen Muttersein ... Mit der unreflektierten und gehorsamen Gefolgschaft dieser feministischen Äußerungen erlauben wir vereinzelten, mit schwarzen Kutten getarnten Scharfmacherinnen, auf unsere persönlichen Geschicke Einfluss zu nehmen und uns in unser Verderben zu führen ... Hetzen nicht gerade wir Frauen unter großem Druck diffusen Vorstellungen hinterher?" Die gehetzte Frau trieb allerdings auch schon Rosenberg um: "Die "amazonenhafte" Emanzipierte ist daran schuld, dass die Frau die Hochachtung vor ihrem eigenen Wesen zu verlieren begann und die Werte des Mannes zu den ihrigen machte. Dies bedeutete eine seelische Störung, ein Ummagnetisieren der weiblichen Natur, die denn auch heute irrlichternd dahinlebt."

Die Beantwortung der Frage, welche der beiden Textstellen den "stürmerischeren" Sound anschlägt, überlasse ich Ihnen. Die gedankliche und argumentative Nähe ist frappierend. Keine Angst. Ich will Eva Herman und ihrer Co-Autorin keinen Plagiatsvorwurf anhängen. Ich will einfach ein paar Zitate gegenüberstellen. "Die Forderung der heutigen Frauenemanzipation wurde im Namen eines schrankenlosen Individualismus erhoben." Bei wem steht's? Richtig. Bei Rosenberg. Denn Eva ist schon einen Schritt weiter: "Das Hohe Lied des Individualismus hat längst seinen verführerischen Klang verloren ... Auch mein Lebensmotto lautete viele Jahre lang: 'Verwirkliche dich selbst!' Doch mittlerweile haben sich mir reichlich Gründe erschlossen, warum man sich von dieser gefährlichen Vorstellung befreien sollte." Was die wahre Bestimmung des Weibes ist, hat es sich erst mal von den "gefährlichen Vorstellungen" befreit, verrät uns Eva natürlich auch: "Wenn wir uns zum Frausein bekennen und unserer Weiblichkeit folgen, werden viele Entscheidungen wesentlich einfacher, weil sie vorgezeichnet sind. Die Gestaltung eines Heims, einer Partnerschaft, in der wir an der Seite eines Mannes segensreich wirken können, das Leben in einer Familie mit Kindern, die uns zwar einiges abverlangen, doch mindestens ebenso viel Lebenskraft, Glück und reiche Erfahrungen schenken - all das ist wichtiger als das quietschende Hamsterrad." Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Was meint Eva mit dem Hamsterrad? Schlagen Sie nach bei Rosenberg: "Hinzu kam nun aber als verstärkendes Moment die sich durch Welthandel und Überindustrialisierung zuspitzende soziale Lage. Die Frauen waren gezwungen, ihren Männern in der Fabrik behilflich zu sein, um das Leben der Familie zu fristen." Sollte Ihnen diese Formulierung der Kapitalismuskritik zu männlich-terminologisch klingen, hier ist die weiblich-empathische: "Es ist unumgänglich, eine Wahrheit auszusprechen, die so gar nicht zum heldenhaften Begriff der Selbstverwirklichung passt: Oftmals ist er nur ein Deckmantel für wirtschaftliche Zwangslagen, die Frauen ungewollt in belastende Arbeitsverhältnisse drängen."

Wo die beiden Recht haben, haben sie Recht. Keine rechte Einigkeit besteht jedoch in der Frage, wer denn nun schuld ist an der ganzen Geschlechterverwirrung. "Der Mann ist angesichts der heutigen Zustände durchaus nicht in Schutz zu nehmen. Im Gegenteil: er ist in erster Linie schuld an den heutigen Lebenskrisen. Aber seine Schuld liegt ganz wo anders, als wo die Emanzipierten sie suchen! Sein Verbrechen ist, nicht mehr ganz Mann gewesen zu sein, deshalb hat auch das Weib vielfach aufgehört, Frau zu sein." Schreibt Rosenberg. Eva teilt die Diagnose. Allerdings mag sie nicht erkennen, dass der verweichlichte Mann angefangen hätte: "Frauen dürfen schon lange keine Frauen mehr sein, wenn man den Thesen des Feminismus folgt, und nun dürfen auch die Männer keine Männer mehr sein! ... Dauernd wird also am Mann herumerzogen, ständig werden neue Rollen und neue Regeln erfunden, als sei er ein wildes Gewächs, das erst beschnitten [sic!] werden muss, um in den Garten zu passen." In welchen Garten Eva passt, seit sie vom Schöpfer samt Adam und Apfel aus dem Paradies geschmissen wurde, weiß wiederum Rosenberg: "Verbrämt durch Pochen auf "Persönlichkeitswert" und "Selbstbestimmung" geben wahnwitzig gewordene Weiber den letzten Schutz ihres Geschlechtes preis, zerstören die einzige Form, die ihnen und ihren Kindern eine Lebenssicherheit bietet ... Die Worte: "Eine Frau, die Selbstachtung besitzt, kann eine gesetzliche Ehe nicht eingehen" (Anita Augspurg), darf man als Evangelium des erotischen Programms betrachten." ( "Erotisch" können Sie hier mehr oder weniger mit "emanzipatorisch" gleichsetzen.) Was dem Rosenberg sin Augspurg, is der Eva ihr Beauvoir: "Tief verinnerlicht haben die Enkelinnen Simone de Beauvoirs die Kriegserklärung an die traditionelle Frauenrolle, sind getragen von einem grundsätzlichen Misstrauen gegen die Männer ... Bringen wir es auf den Punkt: Diesen Frauen hat der Feminismus sehr viel genommen, gegeben aber hat er ihnen nur die Nachahmung der männlichen Rolle ... Einsamkeit. Das war es. Birgit wirkte einsam." Vielleicht hätte die arme Birgit statt der Beauvoir einfach den Rosenberg lesen sollen, dann hätte sie nämlich rechtzeitig erkannt: "Vom Standpunkt der Frau könnten Staat, Rechtskodex, Wissenschaft, Philosophie als etwas Äußeres angesehen werden. Wozu denn immer Formen, Schemen, Bewußtsein? Ist das dahinfließende spontane, Unbewußte im Erleben des Tiefsten nicht größer und schöner? Braucht es denn immer der Werke, um Seele zu beweisen?" Und als hätte sie in einem früheren Leben nicht mit Bettina Tietjen, sondern mit Alfred Rosenberg Duett gesungen, zwitschert Eva: "Ist es wirklich so erstrebenswert ... sich im Arbeitsleben zu beweisen? Ist es das, was uns der Verstand diktiert? Es stellt sich heraus, dass wir noch weitaus mehr vergessen haben als unsere ursprünglichen Sehnsüchte. Auch die Intuition wird immer stärker verdrängt, jene wunderbare Gabe, mit der wir Menschen ausgestattet wurden, vor allem die Frauen. Wir alle kennen dieses Bauchgefühl." Jawohl. Auch ich kenne dieses Bauchgefühl. Und es sagt mir in schönstem Einklang mit meinem Verstand, dass es kein gutes Zeichen ist, wenn ein Bestseller im Jahre 2006 so klingt wie einer aus dem Jahre 1930. Der "Mythus des 20. Jahrhunderts" ist Gott - präziser: USA - sei Dank heute tatsächlich "Mythus". Ihn brauchen wir nicht mehr zu bekämpfen. Seien wir einfach nur wachsam, wenn freundliche Zeitgenossen am "Mythus des 21. Jahrhunderts" stricken.

Quelle: TheaDorn.de 29.11.2006

2007.10.13: Berzengeschnetz - Betrifft: Eva Herman - Offener Brief an Johannes B. Kerner von Felix Hau

Kopie mit Bitte um Kenntnisnahme an:
Frau Senta Berger
Frau Margarethe Schreinemakers
Herrn Mario Barth
Herrn Prof. Dr. Wippermann

und einen weiteren Verteiler
per E-Mail oder Fax

Rinteln, den 13. Oktober 2007

Sehr geehrter Herr Kerner,

ich kann mir denken, dass Sie vor allem in dieser Sache mit Zuschriften überhäuft werden. Ich hoffe trotzdem, dass mein Brief überhaupt bis zu Ihnen vorgedrungen ist und dass Sie seinen Inhalt in Erwägung ziehen; ich werde mich auf wenige Punkte beschränken und mich also so kurz wie möglich fassen.

Eine Kopie des Briefes geht u.a. auch an alle anderen PodiumsteilnehmerInnen Ihrer Sendung – mit der von Herzen kommenden Bitte, sich zehn Minuten Zeit zu nehmen und zumindest in Erwägung zu ziehen, was im Folgenden ausgeführt wird.

Vorab noch ein Satz zu mir: Ich bin journalistischer Kollege, politisch liberal und teile Eva Hermans Thesen zum Thema Familie nur sehr bedingt.

Ich sehe die Aufzeichnung Ihrer Sendung zum Thema Eva Herman nun zum vierten Mal in kompletter Länge – und mit jedem Mal nimmt mein Entsetzen zu. Das Problem liegt in der totalen Fehlinterpretation des ursprünglichen Zitates; alle weiteren „Missverständnisse“, zu denen es in Ihrer Sendung kam, sind auf diesem Hintergrund vorprogrammiert. Es ist verständlich, was da gelaufen ist; aber es ist falsch gelaufen. Es ist so falsch gelaufen, dass es schon beinahe körperliche Schmerzen bereitet, wenn man es sich in Wiederholung anschaut.

Ich möchte Ihnen im Folgenden eine unmissverständliche „Schriftdeutsch“-Fassung des „Skandal-Zitates“ anbieten (ohne allzu viel zu verändern); selbstverständlich ist das meine Interpretation – ich halte sie aber für die einzig vernünftige. Desweiteren möchte ich an zwei Beispielen aus Ihrer Sendung weitere „Missverständnisse“ klären.

1. Das Skandal-Zitat in unmissverständlichem Schriftdeutsch:

“Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland wieder wertschätzen lernen. Diese Wertschätzung der Mutter ist ja leider zusammen mit der nationalsozialistischen Ideologie von der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft worden. Von den 68ern wurde damals praktisch alles, was wir an Werten hatten, abgeschafft. Die NS-Zeit war eine grausame Zeit; das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle. Aber es sind eben im Zuge der wichtigen Auseinandersetzung mit dieser Zeit damals von den 68ern auch an sich gute Werte - Werte, die sich auf Kinder, auf Mütter, auf Familien beziehen und die es in Deutschland auch vor Hitler gegeben hat - abgeschafft worden. Es durfte nichts mehr stehen bleiben …”
(Man könnte noch ergänzen: “, … was in Ideologieverdacht geraten war; und das waren fälschlicherweise alle Werte schon als solche.”)

Eva Herman wollte sagen, dass durch die 68er-Bewegung als eine Art geistigen Aufräumprozesses alles abgeschafft wurde, was im Nationalsozialismus eine tragende Rolle gespielt hat (ob nun dort entstanden oder von früher übernommen und von Nazis instrumentalisiert) - darunter aber eben nicht nur tatsächlich Bedenkliches, sondern einfach alles in Ideologieverdacht Geratenes - also auch dasjenige, was als solches gut war. Und “als solches” heißt nicht “in seiner nationalsozialistischen Variante”, sondern eben “als solches”.

Beispiel: Wertschätzung der Mutter. Die gab’s vorher schon, die gab’s weiterhin in der NS-Zeit - wo diese Wertschätzung zu hinlänglich bekannten Kanonenfutterzwecken instrumentalisiert wurde. Und die 68er haben sich nun nicht damit begnügt, die Instrumentalisierung dieses Wertes durch die Nazi-Ideologie zu geißeln, sondern sie haben - das jedenfalls ist Hermans Ansicht - gleich den ganzen Wert in abwertende Frage gestellt und negiert.

Die beiden „damals“ des Ursprungszitates (Hervorhebung von mir) beziehen sich nicht auf das Dritte Reich, sondern auf die 68er-Zeit:

“Mit den 68er wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt - das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben …”

Denn “mit den 68ern” kann ganz unmöglich zwischen 1933 und 1945 etwas abgeschafft worden sein.

Herman will auch nicht sagen, dass Nationalsozialismus UND 68er die Werte abgeschafft haben. Sie will sagen, dass die 68er die Familienwerte fälschlicherweise abgeschafft haben, weil sie als Werte (und nicht nur als die Instrumentalisierung von Werten) in NS-Ideologieverdacht geraten waren.

2. Werte, Instrumentalisierung von Werten und Bedauern der Instrumentalisierung im Dritten Reich / Auszug aus Ihrer Sendung:

Frau Herman hat zu dieser Frage in Ihrer Sendung drei Mal unmissverständlich Stellung genommen; es ist nicht ein einziges Mal wirklich verstanden worden – und das lag nicht an ihr! Hier der entsprechende Transkript-Auszug mit meiner Kommentierung in Klammern:

### Werte und Instrumentalisierung/Bedauern der Instrumentalisierung, Teil 1:

Herman: Also vielen Dank erst Mal für den Geschichtsunterricht, aber das sind keine Neuigkeiten, die Sie gerade von sich gegeben haben. Und wenn Sie hierher kommen und Sie mit mir darüber sprechen wollen, dann setze ich voraus, dass Sie vielleicht auch meine Bücher gelesen haben und dann wissen Sie auch, dass beispielsweise in dem Buch „Das Eva-Prinzip“ ich mich mit einem langem Unterkapitel genau um diese Zeit kümmere und damit intensiv auseinandersetze und über die verheerenden Zustände in dieser Zeit berichte und über die ausbeuterischen Zustände der Mutter und ich distanziere mich hier noch einmal sehr energisch. Ich möchte einmal dazu sagen, abgesehen davon, dass ich das völlig an den Haaren herbeigezogen und unsachlich finde, weil mir hier wieder etwas unterstellt wird, wovon ich mich die ganze Zeit distanziert habe …

(Es geht nicht deutlicher! Es geht höchstens kürzer.)

### Werte und Instrumentalisierung/Bedauern der Instrumentalisierung, Teil 2:

Kerner: Noch einmal zurück zu den Werten, die angesprochen worden sind. Du selbst sagst, die Nazis haben diese Werte pervertiert.

(Sie, Herr Kerner, haben doch zumindest diesen Punkt also bereits verstanden!)

Herman: Ja.

(JAAAA!)

Kerner: In jeder Form nichts anderes hat der Historiker auch gesagt.

(JAAA! GENAU! So weit, so gut. Und was jetzt folgt, zeigt, dass Eva Herman eben gar nichts hilft)

Warum sagst du nicht, dass es ein Fehler war, überhaupt diesen NS-Vergleich in einer welchen, in welcher Form auch immer, in einer solchen Pressekonferenz, in der es darum geht ein Buch vorzustellen, zu erwähnen.

(Sie hat keinen NS-Vergleich angestellt! Vgl. Schriftdeutsch-Zitat!)

Herman: Ich habe es gerade gesagt, wir haben über die Ursachen gesprochen, die Frage ist gestellt worden, warum haben wir Probleme mit den Werten, warum zerfällt unsere Gesellschaft? Warum haben wir viele Scheidungen? Warum haben wir kaum noch Familien, die zusammen finden und bestehen bleiben können?

Kerner: Und warum muss man Vergleiche, mit den NS-Zeiten Vergleiche machen?

(Sie will Ihnen gerade erklären, warum sie zwar keinen Vergleich angestellt, die NS-Zeit aber trotzdem erwähnt hat!)

Herman: Gerade nochmal, wenn man die Ursachen sucht, findet man sie doch hier. Hier sind die Dinge, genau diese Dinge missbraucht worden, und danach dadurch für unbrauchbar erklärt worden.

(Das ist kurz, prägnant, unzweifelhaft, unmissverständlich und es ist exakt das, was sie schon die ganze Zeit meint: Die Werte, um die es ihr zu tun ist, wurden von den Nazis missbraucht und aus diesem Grund „damals“ von den 68ern abgeschafft, weil sie unter Ideologieverdacht geraten waren!

Daran ist m.E. überhaupt nichts auszusetzen. Sie geht auf Ihre Frage ein und erklärt Ihnen, aus welchem Grund sie bei ihrer Darlegung die NS-Zeit erwähnt hat. Und spätestens hier, an dieser Stelle, fehlt mir jetzt einer, der sagt: Ach so! Ach so, ach so, ach so! ­ Stattdessen kommt Herr Prof. Wippermann, der offenbar gar nicht zugehört hat, und klatscht den ganzen gerade aufgeräumten Unsinn wieder auf den Tisch, woraufhin sich das bereits schwer strapazierte Gogomobil erneut in Bewegung setzt. Das ist absolute Ignoranz; und gegen die ist kein Kraut gewachsen.)

### Werte und Instrumentalisierung/Bedauern der Instrumentalisierung, Teil 3:

Wippermann: Sie haben es gesagt und auch in diesen Sachen.

(Nein! Sie hat das, was Prof. Wippermann behauptet, eben nie und nirgends gesagt!)

Sie haben die Werte gelobt. Werte wie Familie und Kinder und das Muttersein,

(Soweit korrekt)

die auch im 3. Reich gefördert wurden.

(NEIN! Das ist totale Fehlinterpretation Wippermanns!)

Das ist ihr Zitat und das ist falsch. Das muss man einfach sagen. Das ist falsch. Ich wollte Ihnen eine Brücke bauen, zu sagen: „Ich wollte ja nur das konservative Ideal verteidigen.“ Und sie wollten sich distanzieren von diesem rassistischen Frauenideal und von der Frauenpolitik.

Herman: Das tu ich doch die ganze Zeit. Ich meine, ich habe… [wird unterbrochen]

(Tja. Und sie tut es tatsächlich die ganze Zeit; sie hat nie etwas anderes getan).

3. Die Gleichschaltung und das Autobahn-Argument – Reflex statt Kontext / Auszug aus Ihrer Sendung:

Eva Herman benutzt das „Autobahn-Argument“ ganz zweifelsfrei nicht in der bekannten Relativierungs-Variante „damals war nicht alles schlecht“! Sie verwendet es, um die – tatsächliche! – Absurdität von Prof. Wippermanns Unterstellung des Gebrauchs von Nazi-Begriffen darzulegen. Ein bisschen Kontext-Erkennen darf – nein: muss! - sein. Ich erwarte das nicht nur von einem Historiker, sondern auch von Ihnen und den anderen Gästen auf dem Podium.

Sie und Professor Wippermann hatten sich an Hermans Verwendung des Begriffes „Gleichschaltung“ gestört. Professor Wippermann führte aus, inwiefern es sich dabei um einen Nazi-Begriff handelt. Leider hat er das Wesentliche nicht gesagt. Als Nazi-Begriff hat der Begriff „Gleichschaltung“ eine positive Konnotation. Bei der Nazi-Verwendung des Begriffes handelte sich um eine Forderung, die sich sogar in zwei Gesetzen niederschlug (vorläufiges und zweites „Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich“). Heute wird der Begriff deskriptiv und mit einer negativen Konnotation verwendet. Ich habe selbst schon hin und wieder über die „Gleichschaltung der Medien“ geschrieben, hingegen noch nie zur Gleichschaltung der Medien aufgerufen! Und selbstverständlich hat Frau Herman vollkommen Recht: Der Begriff wird ständig verwendet – auch von ganz demokratischen Journalisten sämtlicher seriöser deutscher Medien. (”Heutzutage ist der Begriff in die Alltagssprache diffundiert und wird vielfach als Bezeichnung für die uniforme Berichterstattung der Medien sowie die Konformität und Angepasstheit von Individuen im vorauseilenden Gehorsam verwendet” ist dazu vollkommen korrekterweise bei Wikipedia zu lesen).

Gegen die also falsche und überzogene Beschuldigung durch Herrn Prof. Wippermann wendet sich nun Eva Herman mit einem sicher ungeschickten, aber – und das ist das Wesentliche – in diesem Kontext überhaupt nicht anstößigen Beispiel. Sie sagt nämlich, dass der Begriff „Gleichschaltung“ natürlich in der NS-Zeit benutzt worden sei,

(Zitat Herman:) „Aber es sind auch Autobahnen damals gebaut worden und wir fahren heute drauf.“

Die nun folgende Reaktion von Professor Wippermann, von Ihnen, vom Podium und im Zuschauerraum ist – entschuldigen Sie, wenn ich’s so deutlich sage – reine Hysterie. Sie unterstellen alle plötzlich einen Kontext, in dem Herman das Autobahn-Argument bringt, der überhaupt nicht vorliegt. Sie verstehen es als die Verteidigung von Nazi-Werten und eine Relativierung in Richtung “damals war nicht alles schlecht”. Aber wie kommen Sie darauf? Darum ging’s doch gar nicht.

Eva Herman meint – und zwar zu Recht! –, dass sie den Begriff „Gleichschaltung“ nicht unzulässigerweise verwendet hat, denn ansonsten wäre es eben heute auch nicht zulässig, Autobahnen zu benutzen. Ist es aber. Beides. Das Wesentliche an den “Straßen des Führers” als NS-Besonderheit ist ja nicht, dass es sich um Autobahnen handelt, sondern, dass sie den deutschen Expansionsbestrebungen und Kriegszwecken dienen sollten und dass bei ihrem Bau Zwangsarbeiter eingesetzt worden sind. Das Wesentliche an der Nazi-Variante des Begriffs “Gleichschaltung” ist nicht der Begriff, sondern seine spezielle Verwendung. Wenn es der Begriff selbst und seine reine Benutzung wäre, könnten wir überhaupt nicht mehr “zulässig” sprechen. Das ist es, was Herman meinte. Und sie hat — Recht.

Es tut mir leid, dass der Brief so lang geworden ist. Aber anders als bis zu einem gewissen Grad „akribisch“ kann man in dem Wust von Missverständnissen und daraus – verständlicher-, aber fälschlicherweise - resultierenden Vorurteilen wohl nicht darlegen, dass Eva Herman hier tatsächlich zu Unrecht etwas unterstellt wird, das sie weder gesagt, noch gemeint hat - und zwar nicht nur auf der berühmten Pressekonferenz, sondern dann auch noch weiter in Ihrer Sendung.

Sehr geehrter Herr Kerner,
ich möchte mit einer Bitte unter Kollegen schließen und an dieser Stelle auch die anderen PodiumsteilnehmerInnen direkt ansprechen:

Sehr geehrte Frau Berger,
sehr geehrte Frau Schreinemakers,
sehr geehrter Herr Barth,
sehr geehrter Herr Professor Wippermann,

sollten Sie nach Prüfung meiner dargelegten Thesen zu dem Ergebnis kommen, dass Eva Herman tatsächlich Unrecht getan worden ist und wird: bitte haben Sie den Mut zur Erkenntnis des eigenen Irrtums und ein entsprechendes Verantwortungsgefühl und stellen Sie die Sache klar.

Es geht für meinen Geschmack einfach zu weit, was hier auf dem schwankenden Grund der Missverständlichkeit eines Zitates – das mit etwas gutem Willen und kontextuellem Verständnis gelesen jeden falschen Verdacht ausschließt – im öffentlichen Raum mit einer Kollegin veranstaltet wird, die sich vielleicht nicht immer geschickt, aber mit vollem Recht gegen falsche Unterstellungen verteidigt.

Mit sehr herzlichen Grüßen,

Ihr Felix Hau

Quelle: Berzengeschnetz 13.10.2007

2007.10.18: Phoenix - Talk-Runde mit Broder, Beck, Erdl, Sonneborn

Kurz nach dem Kerner-Herman-Eklat fand aus aktuellem Anlass auf Phoenix eine Plauderei zum Thema political correctness statt, Teilnehmer waren Broder (Spiegel), Beck (Die Grünen), Erdl (Linguist), Sonneborn (Titanic). Obwohl die Herren, wie ich finde, inhaltlich nur mäßig Interessantes zu sagen hatten, war jedoch die zur Schau getragene Haltung und der zum Teil mit Ignoranz gepaarte, herablassende Ton einigermassen entlarvend. Auffallend war auch, dass zumindest Beck auf dem Stand der dpa-Meldung war, was das berüchtigte 'Autobahn-Zitat' angeht, er sich also nur aus der Presse 'informiert' hatte.

<YouTube Playlist, Gesamtlänge 52:00 Min.>

2007.10.16: Readers Edition - Zum Fall “Eva Herman”: Quote kontra Verstand

Treffende Analyse der Vorgänge rund um Eva Herman und die JBK-Sendung vom 9.10.07 in der "Readers Edition". Nicht mehr neu, aber nicht minder aktuell, wenngleich auch hier wieder indirekt anklingt, Herman hätte irgend etwas Gutes an der NS-Zeit gefunden.


Artikel von Heiko Kroll vom 16.10.2007, 17:43 Uhr im Ressort Kultur

An der von vielen Medienvertretern eifrig geführten Schmäh-Kampagne gegen Eva Herman wird es wieder einmal deutlich: “Wer die Vergangenheitbeherrscht, beherrscht die Zukunft; wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.” Das benannte schon George Orwell in seinem Klassiker [1] “1984“.

Im Klartext heißt das, dass es eine klare Haltung zur deutschen Vergangenheit zwischen 1933 und 1945 gibt, die man als deutscher Staatsbürger zu vertreten hat. Namentlich wäre selbige, dass alles und ohne Ausnahme, was in dieser Zeit in Deutschland von Deutschen erfunden, begründet und gelebt wurde, der Hölle höchstselbst entsprungen ist. Gleichzeitig legitimiert diese Ansicht viele recht fragliche Handlungen, die vorher, gleichzeitig oder

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