Zur öffentlichen Hinrichtung von Eva Herman

Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thor Kunkel, Quelle: Thor Kunkel

Rufmord und Folgen – zwei Rufmorde im Vergleich

Es war ein telekratisches Autodafé, Kerners Show am 9. Oktober, ein bunt beleuchteter Pranger: Der Richter, ein glatter Medienkasper, seine Beisitzerinnen, ein Alt-Erotik-Star (kenne die Berger eigentlich nur aus der Werbung für Hämorridencreme oder Gebissreiniger), daneben eine gefallene RTL-Moderatorin, die ihre Chance zum Comeback mit Händen und Füßen ergriff, frei nach dem Motto „Was Lea Rosh kann, kann ich schon lange.“

Auch ein Jüngelchen hatte man zwischen den reiferen Frauen platziert. (Die Männerquote scheint Kerner wichtig zu sein. ) Und mittendrin natürlich Eva Herman, die buchstäbliche Blondine vom Dienst. Angetreten eine Sachdebatte anzuspannen und das „kleine Missverständnis“ aus dem Weg zu räumen, tappte sie prompt in die Nazi-Falle. Das Wort wird hier in der Schweiz von der Presse gebraucht. In Deutschland wäre schon die Erwähnung derselben ein dringendes Verdachtsmoment gegen den, der auf die Nazi-Falle verweist. Doch welcher Deutsche würde noch ernsthaft bestreiten, daß die öffentliche Sprache einer neuro-linguistischen Programmierung unterliegt? Es scheint nicht nur einen unausgesprochenen »Holocaust-Knigge« zu geben, sondern auch einen umfangreichen idiomatischen Verabredungskatalog, der eine allgegenwärtige verhaltenstechnologische Grammatik der Gesellschaft bestimmt.

Man möchte nicht von Konditionierung sprechen, doch Margarete Schreinemaker, eine der Beisitzerinnen, begann angesichts der von Eva Herman geführten Rede sichtbar zu speicheln. Zudem bekundete sie lautstark „erhöhten Puls“, was für eine physiologische Abwehrreaktion spricht.

Frau Herman, die bisher nur die Sonnenseite des Lebens kannte, scheint das Opfer ihrer eigenen Verdrängungsmechanismen geworden zu sein. Anders ist es kaum zu erklären, wie sorglos sie denen die Munition liefert, die mit großen Kalibern auf sie schießen. Die Kultur des Diskurses, auf die Herman als Autorin blauäugig spekulierte, gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr. Immer häufiger liest man von „verminten Gebieten“, von „Deutungshoheit“ oder von „Worten, die nicht fallen dürften“. Deutlicher kann eine Presse nicht bekennen, wie unfrei sie ist.

Wer fast die Hälfte seines Lebens im Ausland gelebt hat wie ich empfindet diese idiomatischen Fall- und Würgeschlingen als klare Bevormundung. Sie existieren in dieser spukhaften Subtilität weder im angloamerikanischen noch im niederländischen Sprachraum und zeigen wie unfrei und kleingeistig dieses Land im Inneren wieder ist. Denn nach dem Kerner-Eklat geht es nun nicht mehr um Hermans liebenswert altbackene Thesen, es geht um ihre verbalen Verstöße gegen die Sprachbarrieren, die das öffentliche Leben bestimmen. Frau Herman nannte es tatsächlich „gefährlich“ über die deutsche Vergangenheit zu sprechen – Sakrileg! Da musste die Falle doch zuschnappen: Kerner, selbst geschockt, warf seinen Gast mit etwas Verspätung aus der Sendung. Damit wurde Herman mit einer Geste zur persona non grata und als massenkompatible Gegenstimme zur Regierungspolitik neutralisiert. Kerner hatte ihr – wie er immer wieder betonte – „jede Chance gegeben“, sie die Hand der Versöhnung unterkühlt ausgeschlagen. Und das ist etwas, was heute besonders schwer wiegt: Die blonde, blauäugige Hexe (ja, auch ihr Phänotyp ist für bestimmte Leute Indiz) wirkt unbeugsam und ist nicht bereit um Vergebung zu bitten. Genau dieses Rückgrat ist es, was – aus meiner eigenen Erfahrung - die Hintermänner der medialen Femegerichte so reizt. Die erwartete Unterwürfigkeit fehlt, die Bitte um Absolution durch eine unnennbare, aber medial höchst schlagkräftige Macht.

Als „Unverbesserlicher“ (DIE WELT über T.K.) spreche ich hier einmal aus eigener Erfahrung, wobei ich vorausschicken muß, daß ich nicht wie Frau Herman mit Samthandschuhen angefasst wurde.

Meine Verhaftung durch Deutschlands Gedankenpolizei nahm im Februar 2004 ihren Lauf, als mir ein einziger psychotischer Meinungssoldat des SPIEGELs unterstellte ein „Revisionist“ und „rechter Schläger“ zu sein. Quelle seines Verdachts waren unbedachte Äußerungen meines ehemaligen Verlegers, ein Ausdruck eines „Werkstattberichts“, den ich gar nicht verfasst hatte, private Randnotizen, sowie Stellen in einem unredigierten und von mir nicht autorisierten Manuskript. Es ging um kein gesellschaftspolitisches Manifest, keine Parteigründung, sondern schlichtweg um ein literarisches Werk.

Wie Eva Herman beging ich den Fehler nicht sofort mit einer einstweiligen Verfügung gegen das Nachrichtenmagazin vorzugehen und auf die Herausgabe des zitierten und offenbar aus einem Datendiebstahl stammenden Materials zu drängen. Ich schrieb stattdessen einen offenen Brief, den man jederzeit im Netz nachlesen kann. Er änderte nichts: Ist der Grundton einmal von einem Leitmedium gesetzt, schlagen alle wie wild darauf los. Bezeichnend ist die Form des Ereiferns, wie es das Medien-Sternchen Thea Dorn in »buchreport« praktizierte: „Die widerliche Fluchtrichtung des ganzen Werkes ist ja, uns zu erklären, daß der Nationalsozialismus nichts besonders Deutsches ist, sondern eigentlich nur eine Vortrainingsstufe für die USA, weil die Amerikaner eigentlich die besseren Faschisten sind!!!“

Ich dachte damals: Klar, daß es einem Ungeheuer unerträglich sein muß, einem noch größeren Ungeheuer zu begegnen. Dorn entlarvte sich selbst und welchen Geistes Kinde sie ist.

Die Rezeption meines Romans wurde jedenfalls mit allen Mitteln gestört, die Buchhändler bekamen das große Zittern. Plötzlich war es, als hätte ich die „Satanischen Verse“ geschrieben, und jedes Wort, was ich sagte, sah ich bald -– in Anführungszeichen gesetzt – in irgendwelchen Presseberichten.

Obwohl der SPIEGEL eine Unterlassungserklärung unterschrieb, was dem Eingeständnis eines Fehlverhaltens gleichkommt, griffen Provinzblätter und Internet-Foren die längst revidierten Vorwürfe auf, als ob es diese Unterlassungserklärung gar nicht gäbe! Sie schrieben einfach voneinander ab, in blinder Wiederholungsmanie, und führten so zu einer Flut von Anschuldigungen auf schlimmsten Niveau. Selbst meine Haarfarbe und der „nordisch klingende“ Vorname wurden mir angekreidet. Rassismus pur, könnte man sagen. (Die TAZ diskriminierte mich sogar wegen eines braunen T-Shirts.) In Berlin stürmte ein lyrischer Fuselbrenner nach SA-Manier die Bühne und bellte mich wie einen Hundeheiligen an. Danach hagelte es Morddrohungen, – ob es da vielleicht einen Zusammenhang gab?

Mein Verlag versuchte alles Erdenkliche an Öffentlichkeitsarbeit, ich verklagte zig Journalisten, ohne nennenswerten Erfolg in der Sache. In der Presse wurde fleißig an meinem „dämonischen Image“ gefeilt. Ein Rezensent der Neuen Züricher Zeitung bescheinigte mir „genetische Defekte“, die Süddeutschen witterte dagegen „Kampfthesen“ in meinem Gepäck. Begründet wurde das alles nicht. Nur die Hasstiraden setzten sich fort. Ein freier Mitarbeiter des ZDF warnte mich, Wolfgang Herles, der »Aspekte«-Chefredakteur hätte seinem „Werkzeug fürs Grobe“, dem Skandal-Journalisten Tilman Jens, den Auftrag erteilt „mich fertigzumachen“. Es wäre meine „uneinsichtige Haltung“, die auch Armin Conrad, Chef-Redakteur von »Kulturzeit«, missfiel. Das war wohl der konkreteste Vorwurf, den ich in zwei Monaten hörte.

Als klar war, daß ich keinerlei Rückendeckung hatte, standen nun auch die Versager des Kulturbetriebs Schlange: Mal reintreten, es kostet ja nichts… Was tatsächlich in »Endstufe« stand, war längst Nebensache, sie hatten es ohnehin nicht gelesen – so wie der strohdumme Rundschau-Reporter Christoph Schröder, der das auch noch offenherzig zugab und den Roman dennoch zerriß! Was ich denken könnte, heimlich denken, das stand jetzt zur Debatte. Meine fremde Gedankenwelt also. Selbst der FAS-Feuilleton-Chef, der »Endstufe« zunächst „ein glänzend geschriebenes, ungeheuer interessantes Manuskript von einem der besten Autoren der jüngeren Generation“ nannte, machte den Rückzieher. „Es wird nie wieder aufhören, nie wieder!“, schrieb er, als ich ihn bat mir wenigstens gelegentlich Raum zur Richtigstellung der verdrehten Tatsachen einzuräumen. Er tat es nicht und offenbar hatte er recht, denn je mehr ich gegen die wüsten Diffamierungen meiner Person protestierte, um so schlimmer wurde es. Als die »Endstufe«-Lesereise begann, waren die Mitarbeiter des Eichborn-Verlags quasi rund um die Uhr mit dem Abwimmeln von hysterischen Telefonanrufern beschäftigt. Meine Frau verließ vorübergehend Berlin und ein Sekundenschlaf auf der Autobahn kostete mich beinahe das Leben. All das persönliche Elend wurde von der Presse verschwiegen. Es war fast unheimlich. War der eine Verdacht zerstreut, wurde ein neuer von einer anderen Medienmacht produziert. „Er hat den Holocaust vernachlässigt“, blökte es jetzt. – War das des Pudels Kern? Die heimliche Ursache des Aufruhrs?

Rückblickend muß ich sagen, daß mir zu diesem Zeitpunkt immer mulmiger wurde. Ich wollte keine schlafenden Hunde wecken. So ertappte ich mich dabei wie ich in Interviews über Themen redete, die weder das Thema meines Romans waren, noch sonst etwas mit mir zu tun hatten. Ja, Interviews waren eine einzige Qual: Manche Worte blieben auf halbem Weg in der Kehle stecken und sorgten bei mir für eine bis dahin nicht gekannte Befangenheit. Hinter allem vermutete ich Suggestivfragen und antwortete darauf mit einer schwammigen Glätte, die gut zu Roland Koch gepasst hatte. Paranoia sorgt dafür, daß sich die klarste Rede in nebulösen Sätzen verflüchtigt und ja, ich war paranoid.

Daß es »Endstufe« trotzdem auf die Bestseller-Liste schaffte, daß Auslandsübersetzungen folgten und die renommierte österreichische Filmproduktion DOR gerade eine Verfilmung (Regie: Paul Poet) mit Eugene Hutz und Nadeschda Brennicke plant, lässt hoffen, daß sich auch Eva Hermans Leserinnen nicht von ihrer Lektüre abbringen lassen. Es kann nichts schaden über konservative Lebensformen nachzudenken, selbst wenn sie die Vorstellungen der Familienministerin konterkarieren.

Vormachen sollte sich die Autorin allerdings nichts: Ihren lukrativen Platz auf der Sonnenseite des Lebens hat sie verwirkt, sie wird lernen müssen mit massiven Gegenwinden und Treibsand zu leben. Die Zuschauer mögen ein Kurzzeit-Gedächtnis haben, das Internet scheint sich dagegen zur Dauer-Verleumdungsmaschine zu mausern. Schon jetzt wird Herman im Netz die „Nazi-Tante“ genannt. Daß das nicht stimmt, dieses Lippenbekenntnis wird Frau Herman jetzt immer öfter im Kreis von Kulturbetriebfunktionären und amorphen Medien-Feiglingen ablegen müssen : „Sie sind doch nicht wirklich rechts, oder? Habe Sie heute morgen gegooglet…“ Ich habe solche Sätze schon öfters gehört, sehr oft sogar. Selbst wenn Frau Hermann ihr mediales Femegericht überlebt hat, die Gedankenpolizei Deutschlands hat sie vorläufig und auf unbestimmte Zeit in Schutzhaft genommen.

VORSICHT: Sie wurden soeben mit meiner Meinung konfrontiert.
Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie Ihren Therapeuten.

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