2007.10.16: Readers Edition - Zum Fall “Eva Herman”: Quote kontra Verstand
Treffende Analyse der Vorgänge rund um Eva Herman und die JBK-Sendung vom 9.10.07 in der "Readers Edition". Nicht mehr neu, aber nicht minder aktuell, wenngleich auch hier wieder indirekt anklingt, Herman hätte irgend etwas Gutes an der NS-Zeit gefunden.
Artikel von Heiko Kroll vom 16.10.2007, 17:43 Uhr im Ressort Kultur
An der von vielen Medienvertretern eifrig geführten Schmäh-Kampagne gegen Eva Herman wird es wieder einmal deutlich: “Wer die Vergangenheitbeherrscht, beherrscht die Zukunft; wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.” Das benannte schon George Orwell in seinem Klassiker [1] “1984“.
Im Klartext heißt das, dass es eine klare Haltung zur deutschen Vergangenheit zwischen 1933 und 1945 gibt, die man als deutscher Staatsbürger zu vertreten hat. Namentlich wäre selbige, dass alles und ohne Ausnahme, was in dieser Zeit in Deutschland von Deutschen erfunden, begründet und gelebt wurde, der Hölle höchstselbst entsprungen ist. Gleichzeitig legitimiert diese Ansicht viele recht fragliche Handlungen, die vorher, gleichzeitig oder im Anschluss von den Alliierten und den Opfern des NS-Regimes begangen wurden.
Dass etwa ein ganzer Kontinent nahezu vollständig von seinen Ureinwohnern “[2] gesäubert” wurde, die wir fälschlicherweise noch immer “Indianer” nennen, davon möchte man im Land der unbegrenzten Möglichkeiten heute nichts mehr wissen. Statt dessen erinnert man dortzulande doch lieber an die [3] Verbrechen an der Menschlichkeit, die von der Türkei oder von den deklarierten “Schurkenstaaten” verübt wurden. Zu letzteren gehört die Türkei dann aber doch wieder nicht, da sie ja einen ausgezeichneten Stützpunkt im Kampf gegen den Terror bildet. Und Ausdrücke wie Schurkenstaaten oder “Die Achse des Bösen”, klingen wie eine Mundart, die vor 65 Jahren von gewissen selbsternannten “Herrenmenschen” gepflegt wurde.
Die unaussprechlichen Massaker, die unter [4] Mao Tse-Tung an seinem eigenen Volk stattgefunden haben, hält man in unseren Breiten gemeinhin dann doch für etwas, dass irgendwie nicht in Ordnung war. Doch schließlich ist China mit einem Handelsüberschuss von 24 Milliarden US-Dollar im vergangenen Jahr ja ein Geschäftspartner, mit dem man es sich nicht verderben möchte, indem man mit ihm darüber diskutiert, ob etwas ethisch-moralisch vertretbar ist beziehungsweise war oder vielleicht doch nicht. Wenn die Kasse stimmt, genießt der Kavalier und schweigt…
Auch die vielen Millionen Köpfe, die unter [5] Stalin rollen mussten, liefern offenkundig nicht das Potenzial zur abendfüllenden Unterhaltung zu avancieren, wie es bei den ewigen Dokumentationen über das Dritte Reich der Fall ist, die ständig über irgendeinen Sender mit bisher ungezeigtem Bildmaterial flimmern.
Warum, drängt sich einem da doch die Frage auf, ist es in Deutschland noch immer nicht möglich, sich progressiv mit der Vergangenheit dieses Landes auseinander zusetzen?
Vielleicht lieferte Stalin die Antwort in einem Zitat, dass er sich von [6] Friedrich Hecker ausgeliehen hat: “In Deutschland ist keine Revolution möglich, weil man den Rasen nicht betreten darf.” Dieser Spruch spiegelt die so oft blinde Obrigkeitshörigkeit wieder, die den Deutschen selbst in Zeiten von Fastfood-Wissenschaftsfernsehen und allgegenwärtiger Aufklärung durch das Internet zueigen ist.
Sicherlich gab es einige Werte in der NS-Zeit, die noch heute durchaus als erstrebenswert gelten. Keine Frage: Dass Hitler mit seinem Familienbild alles andere erzeugen wollte, als ein harmonisches Miteinander, das bedarf keiner Diskussion. Doch ist der Wunsch nach intakten Familien deshalb nationalsozialistisches Gedankengut? Es gibt ohne Zweifel viele Menschen über 30, die ihre Kindheit, mit Müttern, die wirklich Zeit für sie hatten, gegen kein Geld der Welt hergeben würden. Wie viele Mütter von heute holen ihr Kind nach der Arbeit mit genervter Miene vom Kindergarten ab und verfrachten es flugs zur Oma, um rechtzeitig ihren Nebenjob antreten zu können? Das hat mitnichten etwas mit Frauenfeindlichkeit zu tun, denn kaum eine Frau würde widersprechen, wenn man behauptete, dass Frauen das feinere Gespür und die größere notwendige Nüchternheit besitzen, um ein Kind verantwortungsvoll und mit Weitblick zu erziehen. Männer verfallen im Umgang mit Kindern doch allzu oft ins Spielen, in den Wunsch selbst wieder Kind zu sein.
Es bleibt zu hoffen, dass Eva Herman diesen oder einen ähnlichen Sachverhalt benennen wollte, als sie ihre Buchzitate auf so ungeschickte Weise in der Öffentlichkeit kommentierte. Was man der Frau dann auch wirklich übel nehmen kann, ist, dass sie sich als Medienprofi, wohl wissend um das Dickicht im angeblichen Recht auf freie Meinungsäußerung, auf so infantile und – Verzeihung – dumme Weise in ihrem eigenen Element bewegt. Vielleicht hat die Regenbogenpresse ja auch recht und Frau Herman ist wirklich die blonde, blauäugige Reinkarnation von Eva Braun. Dann freilich hat sie auf dem Bildschirm nichts mehr verloren. Doch bis sie selbst sich als rechtsradikale Frontfrau outet, sollte doch bitteschön der Grundsatz in dubio pro reo gelten, der den Angeklagten als nicht schuldig bis zum Beweis des Gegenteils behandelt.
Wer würde denn den Amerikanern ihr Raumfahrtprogramm nehmen wollen, das schließlich maßgeblich durch den früheren SS-Sturmbannführer [7] Wernher von Braun Gestalt annahm. Zuvor ließ selbiger seine Raketenträume in Peenemünde von KZ-Häftlingen in die Tat umsetzen. Für die US-Regierung, dem Krieg nicht müde geworden, entwickelte er ferner die [8] Redstone-Atomrakete. Manche nationalsozialistischen Errungenschaften erfreuen sich, zumindest außerhalb unserer Staatsgrenzen dann doch noch großer Beliebtheit.
Was Johannes B. Kerner sich in seiner kontrovers diskutierten Sendung geleistet hat, in der er Frau Herman öffentlich dem Gespött der Nation zuführte, das schlägt dem Fass den Boden ins Gesicht.
Dass er Eva Herman so unprofessionell diffamierte und zur Schau stellte ist gar nicht der Punkt, denn mit diesem Risiko lebt jeder, der sich entscheidet, zur Prominenz zu gehören. Entscheidend ist der Umstand, dass er tatkräftig beteiligt war – als Freiberufler wohl mehr aus eigenem Antrieb als als Instrument des ZDF – eine weitere Tür in der Auseinandersetzung mit unserer eigenen Geschichte zu verschließen. Ob dies nun aus Quotenhascherei, Geltungssucht oder nur aus Dummheit geschah, sei dahingestellt. Womöglich täte der über anscheinend alles erhabene Talkmaster und gescheiterte Betriebswirtschaftler gut daran, sich künftig intensiver seiner Karriere als Mineralwasser-Werbeträger zu widmen. Wasser ist gesund und geschmacksneutral – nicht aber geschmacklos!
“Fernsehen macht dumme Menschen dümmer und kluge Menschen klüger“, hat [9] Günther Jauch einmal sehr trefflich gesagt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Dass Johannes B. Kerner, der sich über die Jahre zu einem als seriös gewerteter TV-Journalisten redigiert hat, zu einem so verantwortungslosen Verhalten bei einem derart sensiblen Thema hinreißen lässt, ist unentschuldbar. Denn die Mehrzahl der Zuschauer, auf Sensation gepolt, ist wohl erfolgreich vom eigentlichen Thema abgelenkt worden.
Wie auch immer. Es gibt eine Vielzahl von Verbrechen, die im Dritten Reich von den Deutschen – unseren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern – verübt wurden und der braune Sumpf brodelt noch immer unter der Oberfläche unseres ach so fortschrittlichen Staates, wie in vielen anderen Staaten übrigens auch. Doch Fremdenfeindlichkeit und das gewaltsame Vorgehen gegen Menschen, die sich ethnisch oder ethisch von den Gewalt ausübenden abheben, ist, bei allem Erfindungsreichtum der Deutschen, kein Produkt, auf das die Nationalsozialisten das Urheberrecht haben. Das soll natürlich die Schwere der Schuld, die auf unserem Volk lastet in keiner Weise schmälern. Allerdings werden seit Menschengedenken einzelne, andersdenkende Gruppen verfolgt, bekriegen sich selbst kleinste Dörfer, die nur wenige Kilometer voneinander entfernt im Urwald gelegen sind. Man braucht nur einmal in das “Buch der Bücher” zu schauen. Nachbarn ziehen vor Gericht, um den Standort eines Baumes und die daraus folgenden Besitzrechte zu klären. Kinder balgen sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit um Nichtigkeiten.
Der Problemkomplex von Fremdenfeindlichkeit und Gewalt hat nur vordergründig etwas mit irgendwelchen politischen Haltungen zu tun.
Es liegt offensichtlich in der Natur der Menschen, sich gegenseitig zu bekriegen. Bei manchen mehr, bei manchen weniger. Die Beweggründe für dieses Verhalten sind oft so niederer Natur, dass aalglatte und wortgewandte Politiker vonnöten sind, um einen kriegerischen Akt zumindest vorläufig als plausibel und rechtschaffen darzustellen.
Die durch Eva Herman entbrannte und eine Menge Zündstoff enthaltende Diskussion jedenfalls hätte viel in den Köpfen bewegen können. Sie hätte eine neue Einleitung in einen Diskurs über unser Land und unsere Haltung zu uns selbst werden können. Gerade in dieser Zeit, in der so viele Menschen den Glauben an sich und an unsere Gesellschaft verlieren, in der Werte immer mehr als wirtschaftliche denn als Herzensangelegenheiten begriffen werden. Doch dieser Zug dürfte einmal mehr, Dank der Narretei polemisierender Regenbogenjournalisten auf unbestimmte Zeit abgefahren sein.
Artikel aus "Readers Edition": http://www.readers-edition.de
Links im Artikel:
[1] 1984: http://de.wikipedia.org/wiki/1984_(Roman)
[2] gesäubert: http://www.wdr.de/themen/kultur/stichtag/2005/05/28.jhtml
[3] Verbrechen an der Menschlichkeit: http://www.bundestag.de/aktuell/hib/2002/2002_008/05.html
[4] Mao Tse-Tung: http://www.stern.de/politik/ausland/:Mao-Tse-Tung-Der-Verf%FChrer/546403.html
[5] Stalin: http://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Stalin
[6] Friedrich Hecker: http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Hecker
[7] Wernher von Braun: http://de.wikipedia.org/wiki/Wernher_von_Braun
[8] Redstone-Atomrakete: http://de.wikipedia.org/wiki/Redstone_(Rakete)
[9] Günther Jauch: http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnther_Jauch
[10] Der Fall ‘Eva Herman’: http://www.readers-edition.de/tag/Eva+Herman
Quelle: Readers Edition, 16.10.2007

Klasse
Ja, dieser Artikel ist - trotz des Wermutstropfens hinsichtlich Eva Herman - treffend.
Wie du siehst
wird das Break-Zeichen als Text ausgeworfen. Warum?
Ha, und dabei war ich so stolz auf meine Formatierung mit dem Bild.
Siehe PM, wechsel mal in die
Siehe PM, wechsel mal in die Code-Ansicht des Editors (HTML-Button neben Text-Hintergrund-Button und gib dort das Break-Kommando ein. Das müsste gehen.
ja, hat funktioniert, obwohl
ja, hat funktioniert, obwohl ich erst mal schlucken musste. Hab ja nur wenig Ahnung von HTML bzw. das Meiste schon wieder vergessen.
Scheint ja funktioniert zu
Scheint ja funktioniert zu haben
Probieren geht halt über
Probieren geht halt über Studieren