Der Preis des Fortschritts
Der Titel möge nicht zu der Annahme verleiten, ich verteufele jeglichen Fortschritt, gleichwohl ist mir danach, den Blick neben dem Segen wie z.B. hier im WorldWideWeb Kontakt und Austausch mit anderen zu pflegen, auch auf den Preis zu schauen. Ich picke nur ein paar Beispiele heraus.
Das Automobil positiv besetzt mit den Attributen: Flexibilität, Mobilität, Bequemlichkeit. Die selben Attribute haben eine Kehrseite: man erwartet, dass der Mensch flexibel und mobil ist, dass er bereit ist, weite Wege zur Arbeit oder zum Einkaufen hinzunehmen. Wieviel Zeit geht dabei drauf? Wieviel Freiheit räumt man damit Arbeitgebern ein, sich in irgendeiner Pampa anzusiedeln, abgeschnitten vom öffentlichen Personennahverkehr ... für wieviele besteht schon gar ein Zwang zum Auto? Warum ist es seit Jahrzehnten versäumt worden, Arbeitgeber bei Auswahl ihres Standortes auch zu entsprechender Verkehrsanbindung zu verpflichten? Ganz zu schweigen von den übrigen Begleiterscheinungen der Staus und dem Zwang sich mit immer mehr rollenden Lagern für "just-in-time-Lieferungen", den LKW, den Platz teilen zu müssen. Wieviele kleine Tante-Emma-Läden, wieviele in privater Hand befindliche Einzelhandelsgeschäfte oder kleine Werkstätten gäbe es noch, wenn der Mensch auf Geschäfte und Werkstätten in fußläufiger Umgebung angewiesen wäre?
Haushalts- und Elektrogeräte positiv besetzt mit den Attributen: Zeit- und Arbeitsersparnis. Wirklich? Was eingespart wird, wird wie beim Autmobil als Selbstverständlichkeit im Gegenzug besetzt. Wer nicht mehr sagen kann, mit dem Haushalt alle Hände voll zu tun zu haben, der kann doch locker arbeiten gehen. Ich stehe ja in der Tat nicht stundenlang am Waschbrett, aber hab ich gleichermaßen Lust dafür in abhängiger Beschäftigung zu stehen? Ein Dorfbewohner in den Alpen brachte es auf den Punkt: wir sind frei, sobald unser Tagwerk verrichtet ist. Unser Zeitgeber ist die Natur, mal haben wir viel zu tun und mal wenig und keine Natur zwingt uns in einem Büro die Zeit abzusitzen, wenn keine Arbeit ansteht.
Licht. Die Nacht lässt sich zum Tag machen. Im Winter keine Erfordernis mehr ein paar Gänge herunterzuschalten, weil es einfach dunkel wird. Besinnlichkeit zur Weihnachtszeit? Woher nehmen? Die meisten Firmen haben Jahresabschluss, Stress, Hektik, Druck. Keiner kann sich mehr darauf berufen, dass es dunkel wird und es an der Zeit ist heimzugehen.
Mobiltelefonie: 24-stündige Erreichbarkeit. Ich hatte bis zu meinem Sohn kein Handy und nun ist es auch wieder abgeschafft. Ich will nicht ständig erreichbar sein. Es treibt völlig überflüssige Blüten. Im Oktober war ich auf einem Seminar bereits ohne Handy. irgendjemand hatte ein Problem, für den es auch andere Ansprechpartner gab. Hätte ich da noch ein Handy gehabt, hätte man mich für Mumpitz aus dem Seminar geholt und ich hätte dort gar nichts zur Abhilfe des Problems tun können.
Erdbeeren oder Spargel im Winter. Was ist noch besonders an Erdbeeren oder Spargel, die ich das ganze Jahr über kaufen kann? Wie freue ich mich auf die ersten heimischen Erdbeeren, den ersten heimischen Spargel nach so langer Zeit? Wie sehr genieße ich ihn, wenn er nicht zum Standard-Speiserepertoire gehört.
Vielem wohnen zwei Dinge inne, Vor- und Nachteile und zu viele werden nur in ein vorteilhaftes Licht gerückt. Manchmal darüber nachzudenken, zu wessen Sklaven man sich macht, wenn man meint, eine neue Freiheit erworben oder gewonnen zu haben, wird so einiges relativieren.
